ARD, Donnerstag, 30. März: "Auge um Auge..." Zur Diskussion um die Todesstrafe, Film von Martin Buchhorn

Ein Plädoyer im richtigen Moment: In einem Augenblick, wo eine in Hamburg erscheinende Zeitung aus dem Haus Springer in riesigen Lettern verkündet, die Angst vor der Todesstrafe sei es gewesen, die Empains Entführer habe einlenken lassen – in einem solchen, durch mehr oder minder unverhohlene Propaganda für den Henker bestimmten Augenblick ist es verdienstlich, die Unmenschlichkeit von Staaten an den Pranger zu stellen, die, in Ermangelung von Moralität als der Prämisse ihrer Hoheitsausübung, Exekutionen entweder aus Gründen allgemeiner Einschüchterung oder, nicht minder verwerflich, um der politischen Opportunität willen durchführen, mit bestellten, vor sich selbst nicht geschützten Henkern, Männern, die aus gutem Grund einmal "Freimann" genannt wurden, mit schauerlichen Ritualen (der Film macht deutlich, wie das aussieht, vor Ort, wenn der Staat einen Menschen erledigt) und mit der Verturteilung der Hinterbliebenen des Exekutierte! zu Verachtung und Schande: zum Todesurteil noch ein Lebenslänglich addiert!

In nüchterner Argumentation wurden die Argumente für die Hinrichtung aus juristischer, kriminologischer und moralischer Perspektive gewogen und für indiskutabel befunden: wie indiskutabel sie sind, das bewies die Gegenüberstellung von einem Mörder, der, begnadigt, ein anderer wurde, und einem anderen Mörder, der, wiewohl längst gewandelt (kein Alkoholiker mehr, sondern ein zu verantwortlichem Räsonnement befähigter Mensch), sich dennoch guillotiniert sah: weil es die öffentliche Meinung so wollte. (Feudalherren in vorbürgerlicher Zeit haben sich, mit zu keiner Begnadigung bereiten Staatsoberhäuptern unserer Tage verglichen, oft geradezu aufgeklärt verhalten.)

Mag der Betrachter am Bildschirm den einen oder anderen Akzent in dieser Sendung für problematisch ansehen (in einem Film, so prall von Wirklichkeit, sollten realistische Hinrichtungs-Szenen nicht durch Spiel-Szenen "angereichert" werden), mag sich, vor allem, ein argumentationsstärkerer Mann als Richard Jäger als Advokat der Tötung von Staatsseite denken lassen ("Die Guten belohnt, die Bösen bestraft": ganz so leicht läßt sich mit einem Blick auf die Evangelien das jesuanische Gebot "Töten wirst Du nicht!" denn doch nicht eliminieren) – das alles ändert nichts daran, daß hier, abwägend und entschieden zugleich, die Frage "Rücknahme der Aufklärung?" an einem Extremfall analysiert wurde.

Eine Fülle behutsamer Statements (Otto Schilys zum Beispiel: "Hinrichtung" als "terroristische" Vokabel!) gaben Martin Buchhorns Dokumentation ihren Rang – einem Bericht, der dem Zuschauer das letzte Wort überließ: Er, der Betrachter, sah sich gefragt, ob er, der sowohl die Mutter eines Mörders als auch die Mutter des Opfers dieses Mörders hatte Anklage erheben hören... ob er bereit sei, den mittelalterlichen Haufen der Lynch-Voyeure von heute, diese von der Aussicht auf ein Exekutions-Schauspiel zur Hysterie getriebene Menge, als die ihm gemäße Umgebung ansehen möchte.

Die Todesstrafe als ein Beförderungs-Element allgemeiner Verrohung – "Rübe ab und kurzen Prozeß, bitte sehr!": Diesen Aspekt ins Zentrum der Betrachtung gestellt zu haben (Terror und Exekution schließen einander nicht aus, sondern gehören zusammen), ist das besondere Verdienst dieses Berichts zur rechten Zeit. Momos