Hin und wieder fühlte ich ihr behutsam auf den Zahn, doch sie war nicht aus der Fassung zu bringen. Sie wurde nur nervös, als sie sich im Schloß von gruppenfremden Kiebitzen belauscht fühlte. Die vergrämte sie mit der Androhung eines nachträglichen Inkassos und blieb Herrin der Situation. Lauschangriffe auf Fremdenführerinnen sind selbstverständlich gebührenpflichtig.

Ich muß sagen: Für eine Preußin kannte sie sich in München ganz gut aus. Die Weisheiten hatte sie sich natürlich nur angelesen, aber das genügt für die sogenannte Große Stadtrundfahrt, Die Preußen und Amerikaner kommen aus dem Staunen eh nicht heraus, weil’s in München mehr Sehenswürdigkeiten gibt als in allen preußischen und amerikanischen Städten zusammengenommen.

Im Grunde wäre es auch, einerlei, was man den teuren erzählt, weil’s beim rechten Ohr rein- und beim linken rausgeht. Man könnte ihnen den Justizpalast als Hofbräuhaus, den Viktualienmarkt als Stachus und den Valentin als Alten Peter andrehen. Aber die Profi-Fremdenführerin machte ihre Sache richtig und einigermaßen genau – sagen wir, zu rund 90 Prozent. Ein waschechter Bayer hätte, stelle ich mir vor, die Stadtrundfahrer derbleckt, wäre lustiger, aber höchstens 55prozentig gewesen. Bloß, wo gibt’s heut noch richtige Bayern in München!

Die Fremdenführerin war preußisch gewandet, was sie von mancher zugezogenen Landsmännin, erkenntlich an der landesfremden Dirndlmaskerade, wohltuend unterschied. Mit ihrem Kostüm hätte sie freilich auf einem der preiswerteren Faschingsbälle als gestiefelte Katze auftreten können. Sie trug zur getönten Brille Poncho, Breeches von Levy’s und kanariengelbe Stulpenstiefel. Ansonsten war sie aber recht sauber, wie man in Bayern sagt, was bedeuten soll: hübsch, zudem zungenflink in der preußischen und amerikanischen Sprache. Auch war sie gut präpariert und sagte ihren Text her wie eine Schauspielerin, die ihn nicht nur auswendig gelernt, sondern sogar begriffen hat.

Ihren Namen behielt sie Entgegen den Gepflogenheiten ihres Berufsstands für sich ("Call me Mary"). Vermutlich wollte sie überflüssige Fragen in direkter Ansprache vermeiden Anderseits achtete sie auf die branchenübliche imnuziöse Einhaltung des Zeitplans und bewältigte das Zweieinhalb-Stundenpensum in 147 Minuten.

"Herzlich willkommen in München..." Stadtrundfahrten sind Dienstleistungen vom Fließband. Die Arbeitsgemeinschaft Münchner Fremden-Rundfahrten oHG operiert im Winter mit zwei, im Sommer mit vier oder fünf Bussen. Routen und Erläuterungen sind einander gleich. Man könnte Platten ablaufen lassen, und das Publikum mit einem Hinweis bei der Tür zur Herausgabe eines Trinkgelds auffordern. Dem Tonträger und gedruckten Wort fehlten indessen die Überzeugungskraft. "München wurde 1158 von Heinrich dem Löwen gegründet..." (Stimmt).

Im Rundfahrtenbus muß man schnell zur Sache kommen. Wie sollte man auch nur die Herkunft des Münchner Kindls deuten, wenn man mehr als genug zu tun hat, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten zu beiden Seiten der Straße zweisprachig aufzuzählen. Bei zwei Führungen täglich vergeht einem auch die Lust zu Schnörkeln und Überminuten. Ich verbarg mich hinter einer arglos-neugierigen Miene. Ich kam mir vor wie der Weihnachtsmann bei den eigenen Kindern und war von Angstvisionen geplagt, daß mich der Käs-Müller beim Eisstockschießen auf dem Nymphenburger Kanal oder der Metzger-Wirt am Ende der Nördlichen Auffahrtsallee erspähen möcht. Oder die gestiefelte Katze selber enttarnte mich. (Etwa so: "Sie kommen mir so bekannt vor. Kann es sein, daß Sie an jedem warmen Sommerabend im Hirschgarten hocken und Bier aus Maßkrügen trinken?") Stimmt!