Keine Regel ohne Ausnahme – das gilt auch für jene, daß komunistische Regimes bei der Bewältigung ihrer Probleme völlig phantasielos seien. Von drei Ausnahmen soll hier die Rede sein.

Manche Staaten des Ostblocks bestreiten bis zu einem Drittel ihres Handelsvolumens mit Tauschgeschäften. Der nächste Schritt ist die Gründung eigener Handelsunternehmen im Westen. Rund 300 eigenständige Ostblockunternehmen gibt es bereits, die, so die Zeitschrift East-West-Market, bereits einen Wert von 600 Millionen Dollar repräsentieren. Die DDR unterhält in der Bundesrepublik gut zwei Dutzend Firmen. Banken des Ostblocks agieren als Kreditbeschaffer und Aufkäufer. Vor allem mittlere bis kleine Unternehmen werden gesucht, die wenig Kapitaleinsatz erfordern und doch Attraktives bieten. Ungarn kaufte vor kurzem über seine in Luxemburg residierende Holding eine niedergebrannte dänische Fabrik für Farbfernseh- und Stereogeräte, baute sie auf und beliefert die alten Kunden.

Die weitere Variante der Markteroberung ist die Kooperation. Doch sind da bereits Grenzen zu ahnen: Unterschiedliches technisches Niveau, westliche Scheu und administrative Schwerfälligkeit machen Kooperation zu einem nur bedingt tauglichen Instrument des Wirtschaftsaustausches. Rumänien und Ungarn sind hier am beweglichsten. Ungarn hat mit Firmen in der Bundesrepublik an die 200 Kooperationen, mit westlichen Firmen insgesamt 400, angebahnt. Rumänien etwa zweihundert – dafür gibt es mehr gemischte Unternehmen mit, westdeutschem Kapitaleinsatz im eigenen Lande.

Ungarn suchte als erstes Ostblockland Kooperationen mit westlichen Firmen. Als erstes machte es mit einer Wirtschaftsreform ernst (vor zehn Jahren), die den Staatsbetrieben Selbständigkeit bis zum Export-Import auf eigene Initiative und weitgehende Freiheit bei der Preisgestaltung und bei Investitionen gab. Ungarn hat als erstes Land gemischte Gesellschaften zugelassen, allerdings nur als Dachgesellschaften. Seit ein paar Wochen sind ausländische Beteiligungen auch im Produktionsbereich möglich – bis zu 49 Prozent.

Alles dies ließ sich bisher noch mit marxistisch-leninistischen Grundsätzen decken. Doch dürfte dies bei einer anderen Entscheidung, die so ganz beiläufig bekannt gemacht wurde, nicht mehr möglich sein: Vorerst auf den Dienstleistungssektor begrenzt darf der "Kapitalanteil der ungarischen Seite auch unter 51 Prozent" liegen. Mit anderen Worten: Westliche Unternehmen können sogar die Mehrheit halten. Da Ungarns Ideologen ins Schleudern geraten, wenn sie diesen Bruch mit einer ehernen Regel rechtfertigen wollen, griffen sie einfach zu lapidaren Feststellungen. Die neuen Regeln, so ließen sie verlauten, "entsprechen vollkommen den Erfordernissen".

Rumäniens sonst so puritanische Ideologen haben lieber gleich ganz darauf verzichtet, für eine Neuerung irgendwelche platten Ausflüchte zu suchen. Im Rahmen eines Prämiensystems (dem ersten überhaupt in Rumänien) dürfen exportorientierte Unternehmen einen Fonds für die Belegschaft anlegen: in – man lese und staune – Form von Devisen, die von den Exporterlösen abgezweigt werden dürfen. Aus dem Devisentopf sollen je nach individueller Leistung kollektive Ausflüge ins kapitalistische Ausland bezahlt werden.

Die Besichtigung des Kapitalismus als Ansporn für neue Taten des Sozialismus – das erinnert an einen in der Sowjetunion kolportierten Witz: Zwei Wissenschaftler sollen ihren Kollegen von den Eindrücken im Westen berichten. Werden sie gefragt: "Nun, was habt ihr gesehen?" "Haben wir gesehen Sterben des Kapitalismus!" "Na und, wie ist das?" werden sie gedrängt. Dreht der eine die Augen zum Himmel und seufzt: "Scheener Tod!"