Bertelsmann und Springer im Visier der Berliner Wettbewerbshüter

Bei aller gebotenen Vorsicht vor Verlagsgiganten: Was das Bundeskartellamt jetzt zur Übung macht, läßt nicht nur Große zittern." So kommentierte vergangene Woche Günther Kress, der Herausgeber des gleichnamigen Stuttgarter Informationsdienstes für Kommunikation und Werbung, die jüngste Presse-Entscheidung jener Berliner Behörde, die den wirtschaftlichen Wettbewerb in der Bundesrepublik überwachen und wettbewerbsfeindliche Firmenzusammenschlüsse verhindern soll.

Auf den Plan gerufen worden war das Bundeskartellamt durch einen neuen Expansionsversuch des Gütersloher Bertelsmann-Konzerns, unter dessen Dach zahlreiche Buch- und Zeitschriftenverlage (Stern, Brigitte, Capital) vereint sind. Der multinationale Medien-Riese, der im laufenden Geschäftsjahr einen Umsatz von mehr als drei Milliarden Mark erreichen wird und in der Liste der größten Medien-Produzenten der Welt bereits auf Platz fünf rangiert, hatte beschlossen, ein weiteres Unternehmen aufzukaufen: den mit etwa neun Millionen Mark Jahresumsatz mittelgroßen Deutschen Verkehrsverlag in Hamburg, in dem unter anderen Fachblättern die Deutsche Verkehrszeitung und Der Spediteur erscheinen.

Einspruch erhoben die Berliner Wettbewerbsrichter wegen der Übernahme der Deutschen Verkehrszeitung. Denn sie hatten ausgerechnet, daß der Bertelsmann-Konzern, in dem bereits die Verkehrsrundschau, herauskommt, nach der Eingliederung des zweiten Transport-Blattes eine marktbeherrschende Position bei Fachblättern für die Güterverkehrswirtschaft bekommen hat? te. Ihrer Meinung nach würde Bertelsmann nach der Fusion 77 Prozent der Auflagen und 55 Prozent des Anzeigenaufkommens auf diesem Markt kontrollieren. Solche Vormachtstellung würde zudem durch die beträchtlichen finanziellen Mittel des Konzerns zementiert.

Die Betroffenen halten die Entscheidung des Bundeskartellamtes für sachlich nicht gerechtfertigt. Sie beruhe, so meint Helmut Schachenmayer aus der Geschäftsleitung der Verlagsgruppe, auf einer künstlich verengten Optik des Marktes. In der Bundesrepublik gebe es insgesamt über sechzig Fachblätter für Verkehrsfragen.

Außerdem protestierten die Gütersloher gegen die "Ressourcen-Theorie" der Berliner Behörde. "Jeder Branchenkenner weiß", heißt es in einer Pressemitteilung, "daß Marktanteile bei Fachzeitschriften nicht auf Grund der sogenannten Ressourcen (Finanzmacht, Zugang zu Absatzwegen, Druckkapazitäten usw.) eines großen Hauses erreicht oder erhalten werden." Bei dem vorgesehenen Erwerb der neuen Marktanteile freilich hätten die Bertelsmann-Ressourcen sehr wohl eine Rolle gespielt, allerdings in einem anderen Sinne: Kaum ein anderer der meist mittelständischen Fachverlage hätte sich den Kauf eines Unternehmens von der Größenordnung des Deutschen Verkehrsverlags leisten können.

Das Votum des Bundeskartellamts, gegen das Bertelsmann Beschwerde beim Berliner Kammergericht eingelegt hat, ist innerhalb weniger Wochen die zweite Entscheidung, in der die Mitte 1976 verschärften Presse-Fusions-Bestimmungen des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen zum Ausdruck kommen. Anfang Februar dieses Jahres hatte das Kartellamt bereits die fünfzigprozentige Beteiligung des Axel Springer Verlags an der Verlagsgesellschaft Elbe-Wochenblatt, einem Hamburger Anzeigenblatt-Unternehmen, untersagt.