Der Bundesgerichtshof hat ein bemerkenswertes Urteil gefällt: der Herausgeber eines Börsendienstes haftet für grobe Fahrlässigkeit bei den Recherchen seiner Redakteure, falls einem Abonnenten dadurch Schaden erwachsen ist. Bejaht wird andererseits, daß vom Abonnenten eines Börsendienstes ein Risiko mitzutragen ist. Also nicht jede Fehlinformation führt sofort zu einer Schadenersatzpflicht.

Das Urteil des Bundesgerichtshofes (VIII ZR 20/77 vom 8. Februar 1978) hat bei den Banken Befriedigung ausgelöst, bei etlichen zu Schaden gekommenen Abonnenten sogenannter Börsen-Informationsdienste die Hoffnung, auch sie könnten sich noch nachträglich bei den Herausgebern der Briefe schadlos halten. Wer allerdings die Urteilsbegründung studiert, wird rasch, zu dem Schluß kommen, daß der Bundesgerichtshof eine Schadenersatzpflicht nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen bejaht. Die von höchster Instanz vorgenommene Klarstellung ist unbedingt zu begrüßen. Dein sie zwingt die Börsendienste zu mehr Sorgfalt in ihrer Recherche. Und das hebt die Qualität ihrer Börsentips.

Was stand hier zur Debatte? Der in Hamburg erscheinende "Hanseatische Börsendienst" hatte sich im Rahmen einer Werbeaktion auch an einen Immobilienmakler gewandt, und zwar mit dem Hinweis, daß nach den Erfahrungen des Vorjahres die Empfehlungen des Börsendienstes interessierten Anlegern erhebliche Gewinne innerhalb kurzer Zeit verschafft hätten. "Ein gut aufeinander eingespieltes Team hochqualifizierter, erfahrener Spezialisten recherchiere für die Bezieher des Börsendienstes und mache in jeder Ausgabe zahlreiche sorgfältig geprüfte Verdienstvorschläge‘, die einem treuen Abonnentenstamm einen entscheidenden Vorsprung vor anderen Investoren verschafften und damit einen entsprechenden Börsenerfolg garantierten."

Der Kläger abonnierte den Dienst und machte schon Ende April von einer Anlageempfehlung Gebrauch Er erwarb Aktien der Vereinigten Berliner Mörtelwerke – VBM zum Preis von 260 Mark je 50-Mark-Stück. "Die günstigen Geschäftsaussichten des Unternehmens im Jahre 1973, die lukrativen Beteiligungen und der wertvolle Grundbesitz rechtfertigen Kurse von 450 bis 500 Mark", hieß es in der Kaufempfehlung des Dienstes. Dann folgte eine Reihe von Einzelheiten, mit denen belegt werden sollte, velche Perle hier den Abonnenten offeriert wurde.

Der Kläger stieg mit einem Betrag von mehr als 200 000 Mark ein. Das war Ende April. Im August geriet die VBM in Vermögensverfall. Ein im September 1973 gestellter Antrag auf Eröffnung des Vergleichsverfahrens führte im Dezember 1973 zur Konkurseröffnung. Seither sind VBM-Aktien wertlos.

Auf Grund dieses Sachverhaltes forderte der Kläger vom Börsendienst Schadenersatz. Nicht zuletzt behauptete er, der verantwortliche Redakteur des Dienstes als Verfasser der VBM-Kaufempfehlung habe ohne eigene Ermittlung lediglich ungeprüft eine am 16. April 1973 von der damals in Hamburg herausgegebenen "Wirtschaftswoche" gegebene Empfehlung übernommen und im übrigen unter ungerechtfertigter Übertreibung der allgemein zugänglichen Umsatz- und Gewinnzahlen den Abonnenten eine tatsächlich nicht vorhandene günstige Anlagemöglichkeit vorgespiegelt. Bei Kenntnis der tatsächlichen Vermögenslage der VBM hätte sich der Kläger nicht zum Ankauf der Aktien verleiten lassen.

Das Gericht kommt dem Beklagten insofern entgegen, als es unterstellt, daß der Wirtschaftsredakteur als Verfasser der Anlageempfehlung sich zuvor in einem längeren Telephongespräch mit einem Vorstandssprecher der VBM über deren wirtschaftliche Lage unterhalten hat und dabei positive, wenn auch hinsichtlich des Zahlenmaterials weitgehend unsubstanzierte Auskünfte bekam. Eine grobe Verletzung seiner Sorgfaltspflicht sieht das Gericht aber darin, daß der Redakteur die Angaben der VBM nicht überprüft und insgesamt unter Verschweigen maßgeblicher ungünstiger Faktoren die VBM-Aktie in den kräftigsten Farben, als ungewöhnlich gewinnträchtig dargestellt und damit den Abonnenten keine Möglichkeit gegeben hat, diese optimistische Einschätzung der Börsenchancen an Hand der gegen sie sprechenden ungünstigen Fakten zu überprüfen.