Irina Koschunow: "Die Sache mit Christoph"; Benziger Verlag, Köln; 150 S., 16,80 DM,

Irina Koschunow, die mit ihren "Wawuschels" im Fernsehen Komik und Spaß verbreitete und Autorin vieler vorwiegend heiterer Kinderbücher ist, hat jetzt einen Jugendroman geschrieben, einen sehr ernsten und auffallend guten Jugendroman: "Die Sache mit Christoph". Das Buch setzt genau dort ein, wo der ganze Medienrummel zum Thema Schulangst und Jugenddepression seine Grenze findet und sensiblere, lebendigere Einblicke und Möglichkeiten des Nachvollzugs nicht mehr zuläßt. Denn "so schlimm und schmerzlich der Selbstmord eines Schülers ist, der Sensationsbericht darüber fördert kaum die Einsicht in den Zusammenhang alltäglicher Schulangst, sondern verstellt den Blick auf sie", wie Horst Speichert das in dem rororo-Sachbuch "Schulangst" schreibt. Mir erscheint dabei besonders wichtig, daß die Autorin, indem sie Christophs Sache bis zu seinem tödlichen Unfall, den er wohl gewollt hat, verhandelt, nie der Versuchung erlegen ist, der Schule oder den Lehrern die ganze Schuld ins Klassenzimmer zu kippen. Der Ich-Erzähler, ein Junge namens Martin, der als einziger Freund des abweisenden und mißverständlich "arroganten" Christoph anzusehen ist, berichtet und reflektiert in seiner ganzen schmerzlichen Betroffenheit die Geschehnisse bis zum Unfalltag, ebenso die Einstellungen und radikalen Aussprüche des Selbstmordgefährdeten, die für ihn (Martin) prägend, ja übermächtig waren.

An diesem Versuch, den anderen zu versehen, hat der Leser Anteil. Und da der Roman eine Vielzahl von Personen einschließt, wird bei diesem Erkenntnisprozeß mehr aufgedeckt als nur das individuelle Leiden von Christoph; vielmehr wird etwas von den Unvollkommenheiten unseres Zusammenlebens deutlich, den schlimmen Halbheiten und Verlogenheiten, unter denen wir alle leiden. Ein Jugendroman, der ganz bewußt auch von Erwachsenen gelesen werden sollte und sei es, um den Einstieg in einen vielleicht lingst fälligen Dialog zu finden. Ursula Genazino