Von Jost Nolte

Aschaffenburg

Will ich sprechen, so ist mein Mund verschlossen. Bei Tische bringe ich den Bissen nicht herunter. Bei der Beichte vergesse ich im Augenblick alle meine Sünden. Ich fühle, daß der Teufel, wie in seinem eigenen Hause, in mir ein- und ausgeht."

Als Vater Surin, ein Exorzist der Nonnen von Loudun, offenbar angesteckt vom Wahn seiner Klientel, dies Anno Domini 1635 in einem Brief einem Mit-Jesuiten gestand, herrschten über die Hölle und ihre Bewohner klare Vorstellungen. Jahrzehnte vorher hatte ein mutiger Kritiker der Hexenverfolgung, der Medicus Johann Wier, in seinem Werk "Die Blendwerke der Dämonen" errechnet, das Reich Luzifers solle 72 Fürsten und 7 405 926 untergebene Geister beherbergen. Sie alle trachteten nach dem Verderben der Christenmenschen, und die Kirche schickte ihre Inquisitoren aus. Ob in den drei Jahrhunderten zwischen 1480 und 1780 auf Grund solchen Bildes vom Gegenjenseits tatsächlich neun Millionen Menschen grausam zu Tode gebracht worden sind, mag man bestreiten. Vielleicht waren es einige Millionen weniger. Daß von einem der großen Schrecken der Geschichte, von unfaßgroßen Unrecht die Rede ist, sollte niemand bestreiten.

Doch das Mittelalter ist unter uns. In Klingenberg am Main haben im Sommer 1976 die Exorzisten Pfarrer Ernst Alt und Pater Wilhelm Renz die 23jährige Studentin Anneliese Michel sterben lassen, und die Eltern des Mädchens haben ihnen dabei zugesehen. Was Anneliese Michel sagte und tat, entsprach deutlich den Geständnissen des Jesuitenpaters Surin und schlimmeren Berichten aus seiner Zeit: Anneliese verweigerte nicht nur jede Nahrung, sie versuchte sich auch auf andere Weise Schaden zuzufügen: sie rannte mit dem Kopf gegen die Wand; sie wollte sich selbst mit einem Kissen ersticken oder in einem Waschbecken ertränken. Dann wieder zerriß sie den Rosenkranz, bespie das Kreuz und redete unflätig und sündhaft.

Für die Geistlichen Alt und Renz, der eine heute vierzig, der andere 67 Jahre alt, gab es darauf nur eine Antwort: Das Mädchen war nicht krank, es war in den Fängen des Teufels, und nicht ärztliche Kunst, nur Exorzismus konnte sie retten: stundenlange Gebete, nach denen tatsächlich Besserung eintrat. Anneliese benahm sich dann wieder, sagt Pfarrer Alt, wie es ihrem Wesen entsprach. Sie war lieb, mütterlich und dankbar. Mit gewohntem Fleiß setzte sie sich an ihre Examensarbeit und brachte sie voran.

Ein befreundeter Arzt bestätigte dem Pfarrer Alt, daß er auf dem richtigen Wege war. Der Mediziner sagte: "Gegen den Teufel gibt’s keine Spritze." Außerdem flehte Anneliese Michel ihre Seelsorger an, sie nicht in eine Klinik zu bringen. Seelsorger "Wer mich so sieht, muß denken, daß ich verrückt bin."