Von Helmut Schödel

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In der Bibliothek der neuen deutschen Theater –literatur steht seit letzter Woche neben den vielen Paperbacks ein einsamer Folioband: eine neue Fleißarbeit von Dieter Forte. In vier Jahren Arbeit hat der Autor ein Stück aus 51 Szenen geschrieben und gewiß viel mehr als nur die 62 Bücher gelesen, die er – wie zum Vorwurf, fast aus Trotz – am Ende seines Stücks dem Leser als Literatur zum Thema aufgelistet hat. –

Im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt steht seit letzter Woche neben den vielen kurzen und durchschnittlichen eine außergewöhnlich lange Inszenierung auf dem Spielplan: eine Fleißarbeit von Roland Gall (Regie) und Klaus Gelhaar (Bühne). Vier Stunden brauchen beide, um, was von Forte in vier Jahren, zusammengetragen wurde, vor dem erschöpften Zuschauer auf der Bühne aufzureihen.

Für Dieter Forte steht zwischen dem Glück und unserer Welt die Buchhaltung. Das ist bereits in seinem ersten Stück "Martin Luther & Thomas Münzer oder Die Einführung der Buchhaltung" nachzulesen. Wenn ich mir nun unter dieser Buchhaltung überhaupt etwas vorstellen kann, dann dies: ein ganz mechanisches, höchst schematisches Umgehen mit Zahlen – auflisten, zusammenzählen, gegeneinander aufrechnen, eine Fleißarbeit. Genauso könnte ich mir auch Dieter Fortes Arbeit an seinem Stück vorstellen: Schreiben als ein sehr mechanisches, schematisches Umgehen mit Figuren. Für Forte gibt es nur Aktiva und Passiva, Gute und Böse, Reiche und Arme, Selbstlose und Selbstsüchtige. In Fortes neuem Stück "Jean Henry Dunant oder Die Einführung der Zivilisation" ist Dunant der gute Mensch der großen humanistischen Projekte (der Mitbegründer der Genfer Konvention, der den ersten Friedensnobelpreis bekam). Paul, der korrupte Bankier und Schnyder, der böse Großindustrielle, müßten dagegen, wenn es das gäbe, zu gleichen Teilen einen Preis für Gemeinheit bekommen. Dieter Forte macht sich zum Buchhalter seiner Figuren. Bei seiner Abrechnung mit der Geschichte gibt es immer nur zwei Möglichkeiten. Die Dialektik von Fortschritt und Rückschritt findet zwischen Soll und Haben keinen Platz.

Wenn Theaterstücke in einem Büro entstehen, weil der Dichter ein Buchhalter ist, werden die Theaterstücke nicht viel mehr als lange Listen der Ereignisse sein, die der Buchhalter gerade abrechnet. Oder, romantischer: ein Bilderbogen der Geschichte. Fortes "Dunant" ist so ein Bilderbogen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wir sehen am Anfang Dunant als Banklehrling. Der gute Mensch von Genf lernt die Geschäfte kennen – ein Einführungskurs des Bankiers in die Philosophie der Zahlen: "Die doppelte Buchführung ist das kunstvollste Gebilde des menschlichen Gestaltungsvermögens. Denn: sie löst die Welt in Zahlen auf. Quod non est in libris, non est in mundo, was nicht in den Büchern steht, ist nicht in der Welt. In die Bücher kommen kann aber nur etwas, das durch Geld ausgedrückt wird, Geld aber wird in Ziffern dargestellt, also muß jeder Vorgang einer Ziffer entsprechen, also heißt Leben Buchführung." Danach: ein Schwenk in die Elendsquartiere und zu einem Festmahl der Reichen; eine Szene aus den Algerien-Kriegen, wo Dunant sich in Geschäften versucht und bankrott geht. Ein Wiedersehen mit Dunant als Clochard; Glanz und Elend der Pariser Commune (über die man in Lenins "Staat und Revolution" auf dreißig Seiten mehr erfährt als im gesamten zweiten Teil von Fortes Stück); angesichts des blutigen Endes der Commune schließlich vor Fortes Barocktheater-Figuren, vor dem Bischof, dem General, dem Bankier, Dunants mächtiges Schlußwort: "Ich wünsche, wie ein Hund begraben zu werden, ohne eine einzige eurer Zeremonien, die ich nicht anerkenne. Ich habe nichts mit euch gemein. Ich will begraben werden wie ein Hund."

Fortes Figuren sehen alle aus wie Fortes Arbeiter, die er in seinem Stück zu Recht bedauert: sie leisten Schwerarbeit und haben fast kein Leben. Sie bestehen nur noch aus Erklärungen, Pointen, Zitaten, Beweisen. Und so rastlos sie reden, so stocksteif stehen sie da. Den meisten würde ein Rednerpult genügen. Auf einer Bühne, die Platz für Bewegung hat, sind sie verloren. Dafür aber, daß sie sich so viel merken müssen, behandelt Forte sie schlecht: er blättert sie immer wieder einfach um in seinem Bilderbuch, blättert andere auf, die dann wiederdastehen, mit einem Kopf voll Erklärungen und Pointen, Zitaten und Beweisen. Dabei ist Fortes Versuch der schlicht nacheinander aufgereihten Enthüllungsszenen nicht nur dramaturgisch ein Anachronismus: "Dunant" ist trotz allem Willen zur Aufklärung ein sentimentales, ein weinerliches Stück. Im Grunde ist es ein einziger großer Schluchzer nach der Wirklichkeit der schönen Ideale, dem Gegenteil einer unmenschlichen, rein technischen (Buchhalter-)Zivilisation: Tränen, geweint im historischen Archiv.