Es kamen vierzehn Diesellokführer-Anwärter, drei Bundeswehr-Köche, neun Rechts-Referendare, ungezählte Schüler und Journalisten, zwei Nachwuchs-Politiker, sieben Post-Inspektoren z. A., darunter drei vom Paketdienst, achtundneunzig Lehramtsbewerber, ein Binnenschiffer und ein Jung-Veterinär. Gesprächspartner war eine unauffällig aussehende Hundertschaft, auch Frauen. Niedersachsens Verfassungsschutz hatte seinen Tag der offenen Tür. Das Innenministerium am Waterlooplatz in Hannover war mit Papierblumen aus dem Repräsentationsfond geschmückt, das Bürogebäude wurde zur Begegnungsstätte, der Staatssekretär hatte per Runderlaß Transparenz angeordnet.

Der Innenminister war persönlich anlesend. Die Notwendigkeit dieser ungewöhnlichen und in der Bundesrepublik erstmaligen Veranstaltung begründete er mit der zunehmenden Kritik ander Arbeit des Verfassungsschutz zes, beispielsweise beim Russell-Tribunal: "Wir möchten mit dem Tag der offenen Tür demonstrieren, daß der Verfassungsschutz nichts zu verbergen hat. Jeder Bürger kann sich davon überzeugen, daß diese Behörde sich strikt an Recht und Gesetz hält."

Bücherfreunde könnten nach Herzenslust in Akten blättern, Dossiers durchstöbern und in Parteien forschen: Kopierautomaten standen zur Verfügung. Bastler und Techniker zog es zu den modernen nachrichtendienstlichen Mitteln. Da waren Fragebögen gestapelt, handelsübliche Jagd-Ferngläser, ein Dienstauto mit Telephon und einem irreführendenDiesel-Typenschild, Erkennungsmarken, breitkrempige Hüte, Trenchcoats und Tarnzeitungen. ein Funkgerät in der Zigarrenkiste mit dem Etikett "Blauer Dunst" und Niespulver. Auf einer Wandtafel räumten die Verfassungsschützer mit dem Gerücht auf, ihr Dienst verwende Richtmikrophone und "Wanzen". Der Innenminister verwies dieses Zerrbild in das Arsenal schlechter Filme.

Daher zeigte das Amt am Tag der offenen Tür ein paar gute. Die neue Uniform der Polizei wurde von Dressmen vorgestellt, Diensthunde sah man bei der Dressur, die Laufbahnchancen in den Verfassungsschutz-Abteilungen wurden beschrieben und viel vom Alltag jener Menschen gezeigt, deren Aufgabe "das Sicherstellen von Ruhe auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung" sei.

Die überwiegend jugendlichen Besucher äußerten sich tief berührt von dem – wie viele es nannten – "offenen Informationsaustausch". Eine Pädagogik-Studentin: "Ich bin hier vor Schlimmem bewahrt worden. Die Akte mit meinem Namen war zwar noch dünn, eine Verfehlung aber ist rot markiert: Ich habe als Schülerin, das war in der achten Klasse, am Kröpcke ein Flugblatt angenommen; mein Fischbrötchen tropfte. Es war, das steht in den Unterlagen, von der niedersächsischen Gruppe "Rotes Roß", die ist sehr links. Das hätte mich beruflich doch mächtig behindert!"

Elf Spontanbewerbungen gab es, eine wurde allerdings nach längerer Überlegung in der Amtskantine zurückgezogen. Einhellig äußerten die Ministeriums-Gäste ihre Überzeugung von der Lauterkeit der Beamten. "Wir gehen als Freunde des Verfassungsschutzes", beteuerten die Politiker nach ihrer Visite.

Die Hauptattraktion des Tages und ein authentischer Beweis für die Offenheit des Amtes war zweifellos die Vorführung des nachrichtendienstlichen Informationssystems NADIS. Jeder Bürger konnte sich hierbei überzeugen, daß der Verfassungsschutz niemals ungerechtfertigt Material über ihn sammelt. Die Besucher gaben Namen, Geburtsort und -datum in den Computer. Nach wenigen Sekunden kam die Antwort des Zentralcomputers in Köln. Grün auf Grau bestätigte der Bildschirm die korrekte Kartei des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Vor allem Bewerber für den öffentlichen Dienst machten von diesem Angebot Gebrauch; eine gute Möglichkeit, ihre Einstellungschancen zu taxieren.