ZEIT: Fünf Prozent mehr Lohn für die Metallarbeiter – paßt das in die wirtschaftspolitische Landschaft?

Esser: In der Tat muß man zwiespältige Gefühle haben. Es wurde außerordentlich hartnäckig verhandelt, und es ist zu ausgedehnten Kampfmaßnahmen gekommen. Diese Kampfmaßnahmen zeitigten auch in anderen Bereichen der Bundesrepublik ihre Wirkungen. Es bestand also die Gefahr, daß es über diesen Arbeitskampf zu volkswirtschaftlichen Schäden kommt. Andererseits ist es so, daß die wirtschaftliche Lage, in der wir uns befinden, eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um fünf Prozent nicht rechtfertigt.

ZEIT: Das ist aber das Datum, das die Sachverständigen in ihrer Status-quo-Prognose angenommen haben. Esser: Die Sachverständigen haben aber nicht dieser Prognose den Vorzug gegeben, sondern ihrem anderen Vorschlag, der darauf hinausläuft, daß eine 3,5-prozentige Erhöhung als angemessen angesehen werden kann und daß bei einer solchen Erhöhung die Aussicht besteht, zu einer Entlastung am Arbeitsmarkt zu kommen. ZEIT: Wäre ein Abschluß auf der Basis von 3,5 Prozent nicht eine Roßkur gewesen, die man den Gewerkschaften psychologisch kaum zumuten konnte?

Esser Ich weiß nicht, ob es eine Roßkur genannt werden muß, wenn wir uns alle dazu anhalten, aus den gegebenen Fakten die Rückschlüsse zu ziehen, die wir für erforderlich halten. Es geht ja nicht darum, daß irgend jemand im Vergleich zum vorhergehenden Jahr schlechter gestellt werden soll, sondern es geht darum, daß die Verbesserungen, die wir anstreben, maßvoll gehalten werden, um eine Gesundung des gesamten Wirtschaftskörpers zu ermöglichen und auf diesem Wege wieder zu einer Vollbeschäftigung zu gelangen.

ZEIT: Sie spielen darauf an, daß die Unternehmen in die Lage versetzt werden sollen, wieder höhere Investitionen vorzunehmen. Hat es sich nicht aber gerade in den letzten Jahren gezeigt, daß der Schwerpunkt der Investitionen bei der Rationalisierung und nicht bei der Schaffung neuer Arbeitsplätze lag?

Esser: Ich gebe zu bedenken, daß die kritisch betrachteten Rationalisierungsinvestitionen zu einem ganz wesentlichen Teil den Lebensstandard bewirkt haben, den wir heute in der Bundesrepublik haben.

ZEIT: Solange wir ein hohes Wirtschaftswachstum hatten.