Erzähl mir eine Geschichte! Jeder, der Kinder hat, kennt diese Forderung seiner Sprößlinge, die jeden Tag aufs neue unter Stöhnen erfüllt sein will, eine Pein, die nach wie vor den Kinderbuchverlegern ein risikoloses Geschäft sichert. Nichts verkauft sich so mühelos wie Sammlungen von Betthupferlgeschichten, kurzen Texten, passend für das noch begrenzte Fassungsvermögen der Kinder, passend aber auch für die kurze Geduld der vorlesenden Erwachsenen.

Ursula Wölfel gehört seit ihren "Grauen und grünen Feldern" (Anrich Verlag) zu den bekanntesten Geschichtenschreibern. Nach "Siebenundzwanzig Suppengeschichten", "Achtundzwanzig Lachgeschichten und "Neunundzwanzig verrückten Geschichten" legte sie vor:

Ursula Wölfel: "Dreißig Geschichten von Tante Mila"; Hoch Verlag, Düsseldorf; 63 S., 12,80 DM

und der Verlag wird nur zu gern weiterzählen.

Denn Ursula Wölfel versteht ihr Handwerk. Mit routinierter Prägnanz entwirft sie die Figur der Tante Mila, die zwar mit einem Bein in der Wirklichkeit steht, mit dem andern aber noch jene Wunsch- und Phantasiebereiche betritt, die den Erstlesern das Lesen und Zuhören schmackhaft machen sollen. Zu jeder Geschichte hat Bettina Anrich-Wölfel ein Bild gemalt, das über die simple Verdoppelung vieler Buchillustrationen hinausgeht und die Geschichte mit viel Detailwitz weitererzählt.

Tante Mila, die Unkonventionelle mit dem Mut zu spontanen Aktionen (ihr Leitspruch: "Unverhofft kommt oft!") und zur Unordentlichkeit, die alterslose, kindlich gebliebene Dame, die keiner Fliege weh tun mag und sich in den Tigerdompteur verliebt, sie wird ihren Weg zu den jungen Lesern sicher finden.

Rudolf Herfurtner