Von Christian Graf von Krockow

Dem Staat geht es nicht gut: "Staatsverdrossenheit" wird allenthalben beklagt, "kritische Sympathie" mit dem Staat von seiner Spitze herab dringend gefordert. Da kommt ein großangelegtes Unternehmen gerade recht, das sich zum Thema als "ein Lesebuch" anpreist:

"Der Staat – Dokumente des Staatsdenkens von der Antike bis zur Gegenwart"; herausgegeben von Rudolf Weber-Fas; Neske Verlag, Pfullingen, 1977.

Es ist in mehrfacher Hinsicht ein gewichtiges Werk. Es umfaßt: zwei Bände mit zusammen 1180 Seiten. Es wiegt: 2225 Gramm. Es kostet: 170,– DM. Damit sind die Gewichtigkeiten freilich auch erschöpft.

Denn was soll der interessierte Laie, als welcher ein Lesebuchleser doch wohl vorzustellen ist, oder ein Student – gesetzt, er habe einen wohlhabenden und um das politische Seelenheil des Neffen besorgten Patenonkel – mit diesen Textfragmenten von Platon und Aristoteles bis zur Gegenwart eigentlich anfangen? Gibt es. "den Staat" überhaupt als ein halbwegs vergleichbares Gebilde von der antiken Polis über die Feudal- und Lehnsordnung des Mittelalters und das Heilige Römische Reich bis zum modernen National- und Industriestaat? Wie verlaufen die Entwicklungslinien politischen Denkens, wo läßt sich Kontinuität erkennen und wo treten Brüche auf? Machtkonzentration und Gewaltenteilung, gemischte Verfassung und Souveränitätslehre, das Verhältnis von Staat und Gesellschaft: Was sind die Probleme, wo zeichnen sich Fronten ab? Fragen über Fragen und keinerlei Antworten.

Zum Beispiel: Von Thomas Hobbes werden einige Abschnitte aus dem "Leviathan" vorgeführt. Darüber hinaus ist zu erfahren, daß Hobbes von 1588 bis 1679 lebte, daß er ein Philosoph war, daß die Textstellen einem Reclam-Bändchen aus dem Jahre 1976 entnommen sind. Außerdem gibt es noch einige, eher zufällige, Hinweise zur Sekundärliteratur – die Brockhaus Enzyklopädie bietet erheblich mehr, auch Aufklärung darüber, was der Autor sonst noch geschrieben hat. Wann aber entstand der "Leviathan" eigentlich, vor, während oder nach der großen englischen Revolution? Auf welche Herausforderung also versuchte er zu antworten? War Hobbes selber ein Revolutionär? Gewann er Einfluß auf das angelsächsische Denken? Wenn nein, warum nicht? Gab es im neueren deutschen Denken eine Hobbes-Renaissance? Wenn ja, warum? Nichts, gar nichts.

Weil der Leser im Stich gelassen wird, weil alle Zusammenhänge im dunkeln bleiben, dürfte sich die Lektüre zudem als ungemein schwierig und ermüdend erweisen. Es ist kaum etwas anderes vorzustellen/als daß das Interesse des Laien bald erlahmt und daß seine Staatsverdrossenheit noch steigt.

Wer aber kauft solch ein Buch überhaupt? Die Antwort meines Buchhändlers: je ein Exemplar die Universitätsbibliothek und die juristische Seminarbibliothek. Dort, verehrter Leser, finden Sie freilich auch sinnvolle Einführungen, etwa unter dem Stichwort Klassiker der Politik oder des politischen Denkens oder der Staatsphilosophie. Außerdem gibt es dort jeweils vollständige Textausgaben. Und auf dem Buchmarkt gibt es preiswerte Taschenbuchausgaben – siehe das Beispiel Hobbes –, fast durchweg mit den angemessenen Erläuterungen. Vielleicht sagen es Kommilitonen dem Onkel: Für 170 Mark kann man sich schon eine Klassikerbibliothek anlegen, die nicht nur den Besitz, sondern den Umgang lohnt.