Von Rolf Zundel

Bonn, im April

Angesichts des jüngsten Artikels von Herbert Wehner für Die Neue Gesellschaft haben die Kommentatoren zu der Vokabel "Meisterstratege" Zuflucht genommen – wie immer, wenn der SPD-Fraktionsvorsitzende etwas von sich gibt, was schwer verständlich, widersprüchlich, wenn nicht gar unsinnig erscheint. Wieder einmal spielt Bonn das beliebte Gesellschaftsspiel: Was hat Onkel Herbert gemeint?

Sogar die Opposition beteiligt sich daran, nachdem sie Wehner – zu Recht übrigens – wegen einiger Ausdrücke attackiert hat, die an seiner Bereitschaft zweifeln lassen, den politischen Wechsel zu akzeptieren. Er hatte vor einem "reaktionären Versuch des Abkoppeins der Sozialdemokraten von der bundespolitischen Wirksamkeit" und vor einer "kalten Machterschleichung" gewarnt. Ähnlich ungeniert (und ähnlich besorgt) hatte früher Konrad Adenauer den Erfolg seiner Partei mit der Sicherheit des Landes verknüpft. Daß auch Herbert Wehner diese Methode anwendet, macht sie nicht besser. Und sie wird auch nicht nachträglich dadurch gerechtfertigt, daß der Düsseldorfer Oppositionsführer Heinrich Köppler dagegen mit Ausdrücken zu Felde zieht, die besser im Wörterbuch des Unmenschen aufgehoben wären: Die SPD verteidige "mit rattenhafter Wut ihre Macht".

Aber nicht deshalb hat Wehners Epistel so viel Aufmerksamkeit erregt; nicht wegen ihrer Fanfaren war sie im Handumdrehen in Bonn vergriffen. Derlei Töne gehören zum Geschäft der politischen Mobilisierung, aber sie lohnen nicht die genaue Analyse. Bemerkenswert ist der Artikel aus anderen Gründen.

Die politische Großwetterlage wird, darin ziemlich düster gemalt. In einem Dutzend Fragen, die alle ohne Antwort bleiben, stellt Wehner die internationalen und nationalen Rahmenbedingungen sozialdemokratischer Politik dar. "Knistert es im Gebälk der Bonner Regierungskoalition?", so beginnt die fatale Liste Wehners. Sie endet mit der Frage: "Was wird bezweckt mit der Unterstellung einer vorgeblichen sowjetischen Finnlandisierungsabsicht gegenüber mittel- und westeuropäischen Ländern?"

Man könnte die politischen Widrigkeiten auch etwas anders werten und gruppieren. Von den wachsenden Problemen im wichtigsten Bereich der Bonner Außenpolitik, im deutsch-amerikanischen Verhältnis, wäre dann die Rede, von der zähflüssigen Ergebnislosigkeit in der Ostpolitik, an der wohl auch der Breschnjew-Besuch nicht viel ändern wird, wie von der schwindenden Aussicht, die Wachstumsziele zu erreichen und die Arbeitslosigkeit zu mindern. Jedenfalls, die Bundesregierung (und noch mehr die SPD) hat wieder den Normalzustand erreicht: Sie muß kämpfen, daß sie vom Berg der Probleme nicht erdrückt wird. Wo aber die Bundesregierung diesen Kalamitäten durch Mäßigung ihres Optimismus Rechnung trägt, verbreitet Herbert Wehner Endzeitstimmung.