Was auf den ersten Blick den Anschein hat, als handle es sich um eines jener Bilderbücher, die zwar als Kinderbücher ausgegeben werden, sich mit ironischem Hintersinn aber letztlich doch an Erwachsene wenden, entpuppt sich beim zweiten Hinsehen als hinreißender Spaß für Kinder:

Leo Lionni: "Ich bleibe hier! – Ich will weg!"; Middelhauve Verlag, Köln; 32 S., 16,80 DM

hat zwei Tiere zu Protagonisten, die selber nicht sichtbar sind und die ihre Individualität nur durch blau und rot umrandete Sprechblasen gewinnen. Zwei Flöhe, die sich zu Beginn des Buches bei einem Hund eingenistet haben, begeben sich auf Wanderschaft: der eine entdeckungsfreudig-forsch, der andere bedächtig-zurückhaltend. Über verschiedene andere Herbergs-Tiere, deren Vorzüge und Nachteile sie sich jeweils mitteilen, verlieren sich die beiden Flöhe aus den Augen: Der kecke Floh findet Unterschlupf im Gefieder eines Vogels und ruft zur Erde hinunter: "Eines Tages komme ich zurück und erzähle dir alles. Aber werden Worte ausreichen?", der schüchterne Floh räsoniert: "Ich Werde manches von der Welt wissen, wenn man bedenkt, was ich erlebt habe und noch hören werde, wenn wir beide wieder zusammen sind."

Lionni hat für die Reisegeschichte seiner unsichtbaren Helden eine die Bildinformationen vereinfachende Collagetechnik gewählt. So gewinnt die Geschichte Symbolcharakter: Die Art, wie sich die beiden Flöhe zueinander und zu ihrer Umwelt verhalten, spiegelt zwei Verhaltenmuster – Besonnenheit und Wagemut. Der offene Schluß läßt Nachdenklichkeit zurück, ohne daß er die lesenden und anschauenden Kinder auf ein zu schwerwiegendes Problem stieße. Vorgeführt wird, daß Sprache Gemeinsamkeit stiftet und Erfahrungen übertragbar macht.

Uwe Schmidt