Von Hansjakob Stehle

Nur widerwillig lassen sich Leute vom Fach noch einmal in einen Streit verwickeln, den sie für längst entschieden halten. Der evangelische Theologe und Historiker Klaus Scholder (Tübingen) hat es gewagt; er ficht eine These an, die seit den Aktenpublikationen von katholischer Seite Ende der sechziger Jahre als gesichert galt, obschon sie der politischen Logik einiges zumutet. Sie besagt: Es gebe keinerlei "Kausalzusammenhang" zwischen dem Reichskonkordat (auf das sich Hitler und der Vatikan 1933 in wenigen Monaten einigten) und der Selbstauflösung der katholischen Zentrumspartei (drei Tage vor der Paraphierung des Konkordats am 8. Juli). Auch die Zustimmung des Zentrums zu Hitlers Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 habe buchstäblich nichts mit der Bereitschaft Hitlers zu tun gehabt, dem Vatikan Zugeständnisse zu machen, wie sie keine Reichsregierung der Weimarer Republik je hätte verantworten können. Die Idee zu einem solchen Konkordat – das bis heute gilt – wäre demnach erst Anfang April 1933 aufgetaucht "wie ein Deus ex machina", schreibt Scholder spöttisch. Und der Vertragsabschluß wäre auch ohne Auflösung des Zentrums zustande gekommen?

Selbst Scholder (auf dessen Gesamtwerk noch zurückzukommen ist) fand keinen Nachweis für direkte Kausalzusammenhänge – und dies halten ihm katholische Fachkollegen (wie Ludwig Volk und Konrad Repgen) fast triumphierend entgegen. Als ob das Kausalgesetz in der Geschichte wie im physikalischen Laborversuch funktionieren müßte. Auch der Historiker Rudolf Morsey, der seine grundlegende Arbeit über das Ende der Zentrumspartei (von 1960) jetzt neu überarbeitet hat, hält einen so verstandenen Kausalzusammenhang für Legende, kommt allerdings zu einem subtileren Schluß: Hitler habe zwar mit Hilfe des Reichskonkordats den Untergang des Zentrums "herbeiführen oder beschleunigen wollen", er habe jedoch mit dem Konkordat für etwas bezahlt, "was er zum Zeitpunkt des Abschlusses bereits erreicht hatte: das Verschwinden des politischen Katholizismus".

Ein klägliches Ende

Hat mit diesem "Verschwinden" (das ja kein magischer Vorgang war) das Konkordat und seine Vorgeschichte überhaupt nichts zu tun? Hat der Zentrumsvorsitzende, Prälat Ludwig Kaas, dabei nichts "verursacht"? Gibt es keinerlei Zusammenhang zwischen dem kläglichen Ende des politischen Katholizismus (wie es Morsey treffend darstellt) und der vatikanischen Kirchenpolitik, ihres "Architekten" Eugenio Pacelli und seines Freundes Kaas? Dies sind die Kernfragen. Warum hat man sie bislang scheu umgangen und auf das Problem eines mechanischen "Kausalnexus" verkürzt?

Vielleicht, weil man so ein apologetisches Bedürfnis befriedigen konnte. Denn der Vorwurf, Rom habe mit Beihilfe von Kaas die Zentrumspartei Hitler "ans Messer geliefert", skrupellos "geopfert" für ein Konkordat, das der Diktator ohnehin brechen wollte – dieser Vorwurf ist auch von katholischen Politikern erhoben worden, er. ist als stille Selbstanklage und nicht ganz guten Gewissens – in katholischen Kirchenkreisen hörbar geblieben, und er klingt auch bei Klaus Scholder in gewissen moralisierenden Tönen noch an. In Wahrheit war die Uhr des (partei-)politischen Katholizismus schon lange vor Hitlers Machtergreifung historisch abgelaufen, und er wäre auch dann nicht zu retten gewesen, wenn ihn der Vatikan gegen Mussolini und Hitler auf Biegen und Brechen verteidigt hätte.

Das "Zentrum", einst im Kulturkampf – mit Bismarck als konfessionelle Volkspartei groß geworden, befand sich seit Jahrzehnten in einer "langsamen, zähen Abwärtsbewegung", wie Johannes Schauff schon 1928 in einer jetzt neu aufgelegten, parteisoziologischen Analyse feststellte. Anfang der dreißiger Jahre standen kaum noch 40 Prozent der wahlberechtigten Katholiken (außerhalb Bayerns) zu "ihrer" Partei, deren Gesamtstimmenanteil rund elf Prozent betrug; die Mehrheit der Katholiken wählte – ein Zufall? – Parteien der radikalen Linken und Rechten.