Nach Volkswagen will jetzt auch Renault in den USA Autos produzieren

Von Jes Rau

Wenn Autos sprechen könnten – so wie die Tiere –, ließe sich das Verhältnis von Volkswagen und Renault-Autos auf dem amerikanischen Markt als Fabel schildern, in Anlehnung beispielsweise an die berühmte Geschichte vom Wettrennen zwischen dem Hasen und dem Igel. Die Frage stellte sich dann allerdings, wer die Rolle des Meister Lampe und wer die Rolle des Stacheltieres zu spielen hätte.

Übertrüge man Volkswagen die Rolle des schlauen Igels, hörte sich die Autofabel in dürrer Zusammenfassung folgendermaßen an: Seit annähernd 70 Jahren hetzt sich der französische Renault-Hase damit ab, auf dem amerikanischen Markt. Fuß zu fassen, ohne Erfolg. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sollte der Kleinwagen "Dauphine" in Amerika endlich den Durchbruch schaffen. Anfang der fünfziger Jahre wurden dann tatsächlich jährlich über hunderttausend dieser Wagen in den USA an den Mann gebracht. Aber plötzlich gingen die Verkaufszahlen rapide zurück. Die Absatzstrategen von Renault hatten nämlich versäumt, ein Händlernetz aufzubauen und Wartung und Reparatur zu gewährleisten. Gleichzeitig ging in den USA an einer steigenden Zahl von Autowerkstätten die Fahne von VW hoch, die signalisierte: Die Igel von Wolfsburg sind "all hier".

Abgehängt von dieser urplötzlich aufgetauchten Konkurrenz verschwand die Marke Renault für über 20 Jahre praktisch vollständig vom amerikanischen Markt. Erst Mitte der 70er Jahre fand Renault den Mut, das Wettrennen wieder aufzunehmen. Das Unternehmen richtete seinen europäischen Bestseller R 5 unter dem Markennamen "Le car" auf das amerikanische Wettbewerbsklima ab, mit dem inzwischen auch die Autos aus Wolfsburg nur noch schlecht zurechtkamen. Aber die Verkaufszahlen von "Le car" enttäuschten. Und nun nach dem Bau einer Autofabrik in Pennsylvanien konnten die VW-Igel ihrem französischen Rivalen wiederum zurufen: Wir sind schon hier.

Wer zuletzt rennt...

Aber wer zuletzt rennt, rennt am besten. Möglicherweise paßt der Igel-Part doch besser auf Renault. Dann hörte sich die Geschichte so an: Seit Kriegsende hetzt sich der VW-Hase damit ab, das Rennen um den amerikanischen Kleinwagenmarkt zu gewinnen. Nach gewaltigen Anfangserfolgen bricht der Markt nach der Aufwertung der D-Mark-zusammen und reißt den gesamten VW-Konzern damit in die Nähe des Bankrottes. Der schlaue Renault-Igel dagegen hat nach den ersten enttäuschenden Erfahrungen seine Finger vom amerikanischen Markt gelassen und sich statt dessen auf den europäischen Markt konzentriert. Renault wird dadurch – auf der Rangliste des amerikanischen Wirtschaftsmagazins "Fortune" – zum viertgrößten Autokonzern hinter General Motors, Ford und Chrysler.