Von Georg jappe

Mit uns macht die Geschichte Schluß / Am genauesten sieht man sie, wenn der Zug / Langsam entlangfährt an den Rückseiten der Städte, / Lagerhallen, Höfe, die Kehrseite der Wäsche und der Blumenfenster, erdabgewandte Seite der Geschichte – So lautet der Schluß des Gedichtes "Fortsetzungsgeschichte", der wohl die Keimzelle des Romans war, für den der vierzigjährige Nicolas Born 1977 den Bremer Literaturpreis erhielt. Unter einem Titel, der recht charakteristisch anmutet für Borns skeptische Haltung zwischen Engagement und Resignation, nämlich "Keiner für sich, alle für niemand", beschließen die neuen Gedichte den Sammelband von –

Nicolas Born: "Gedichte 1967–1978"; Rowohlt Verlag, Reinbek, 1978; 208 S., 22,–DM.

Wenn der Verlag sagt, dieses Buch vereinige die beiden vergriffenen Bände "Marktlage" (1967) und "Wo mir der Kopf steht" (1970) mit dem Band "Das Auge des Entdeckers" (1972) und den seither entstandenen Gedichten, so ist das nur fast richtig – es fehlen einige Stücke aus der originalen "Marktlage", ein paar andere sind um den Schlußvers oder um einen ganzen Absatz gekürzt.

"Marktlage" brachte "das rohe Gedicht", die scheinbar mühelose Gelegenheitsnotiz, wo seine Stimmung, ein Geschehen, ein Zustand heraushebbar wurden als konkrete Momentaufnahme – keine Überhöhung durch Abstraktion und Metapher, keine Deutung durch didaktische Formeln und ideologische Begriffe, auch keine Absicht durch betonte Rhythmisierung – die Poesie liegt in den Dingen, in der Luft, in den kleinen Widersprüchen wird sie sichtbar, die für einen Augenblick zum Wackeln bringen, was längst feststeht.

Das ist im Einzelnen schwer zu zitieren, eben weil die einzelne Formulierung nicht für sich glänzt, die Zeilen sind wie Fäden, die erst zusammen ein Netz ergeben, in dem etwas eingefangen wurde – keine Emotion, keine Erkenntnis, eher könnte man sagen: eine Erfahrung von Gefühl, ein hier und jetzt gewonnenes und schon wieder sich verflüchtigendes Zutrauen, dies zu denken, jenes an sich herankommen zu lassen – belichtet, und schon ist die Klappe wieder zu. Es ist die Zeit, da die einen den Tod der Literatur ausrufen, die andern die Gleichung Kunst = Leben postulieren.

Bemerkenswert, daß dieser Flüchtigkeit ein Jahrzehnt nichts nehmen konnte an Spannkraft – bei einem Stimmungsbild wie "In Berlin 1966" oder der "Einzelheit, damals" oder den "Nachrufen", aus denen Borns diskretes Mitleiden mit und an den Schwächeren durchschimmert. Hingegen wirkt das gleiche Prinzip bei Gedanken, Analysen, Selbstbefragungen nicht mottensicher – gerade die reflektierenden Passagen scheinen heute öfter etwas halbherzig, die Spiegelung des Trivialen wieder aufgesogen vom Trivialen.