Von Volker Mauersberger

Madrid, im April

Das Gefängnis von Carabanchel liegt im Südosten Madrids, nicht weit von der Autobahn, die nach Andalusien führt. Schon am frühen Abend flammen über dem weitläufigen Gefängnistrakt und der wuchtigen Außenmauer die fahlen Neonlichter auf. In den Wachttürmen glänzen die schwarzen Lackhüte der Guardia Civil. Ein schriller Pfiff aus der Trillerpfeife halt jeden davon ab, sich näher als drei Meter an die Gefängnismauer heranzuwagen. Carabanchel, so sagen die Leute in der Stadt, sei nicht das schlechteste Gefängnis in Spanien; hier gebe es für die Gefangenen immerhin täglich warmes Wasser, geheizte Zellen und den regelmäßigen Hofgang am Abend. Man sollte mal nach Soria am Atlantik gehen, wo es in den Zellen Tag und Nacht bitterkalt sei oder nach Ocana, wo das Eisentor der alten Haftanstalt mit einem Krach zuschlage, den man niemals im Leben vergessen werde.

Solche Worte klingen wie eine ironische Beschwichtigung für das, was in Carabanchel in der Nacht auf den 14. März passierte. In den Todeszellen des Gefängnisses, wo im September 1975 drei Terroristen auf ihre Erschießung warteten, starb der fünfundzwanzigjährige Anarchist Augustin Rueda einen Foltertod, der die Spanier erneut an das Franco-Regime erinnerte. Rueda war zusammen mit acht anderen Gefangenen verdächtigt worden, einen Fluchttunnel gegraben zu haben. Als er sich weigerte auszusagen, wurde er von seinen Wärtern stundenlang mit Knüppeln und Schlagringen verprügelt und – wenn er ohnmächtig wurde – durch Wassergüsse wieder zu Bewußtsein gebracht. Der Gefängnisarzt half dem Schwerverletzten nicht, sondern drängte ihn durch Fußtritte, endlich zu gestehen. Auf der Krankenstation ist der gefolterte Häftling dann nach fünfzehnstündigen Qualen gestorben.

"Wir Gefangenen wurden nur durch den Faschismus in die Kriminalität getrieben", heißt es in einem nachgelassenen Brief Ruedas, "die Regierungspartei UCD hat die Lebensverhältnisse in den Gefängnissen nicht verbessert." Solche Anklage mußte wie eine Ohrfeige für jenen Mann wirken, der sich schon am Morgen des 15. März im Gefängnis von Caranbanchel von Augenzeugen und Anwälten minutiös berichten ließ: Jesus Haddad, Generaldirektor der spanischen Strafvollzugsanstalten, der vor knapp vier Monaten seinen neuen Posten übernommen hatte. Haddad reagierte prompt und energisch. Er setzte den Gefängnisdirektor und dessen Stellvertreter ab und erhob Anklage wegen Mord gegen neun Aufsichtsbeamte, die an der Folterung von Augustin Rueda beteiligt gewesen sein sollten.

"Ich verspreche Ihnen – eine durchgreifende Reform des Strafvollzugs", hatte Haddad im Februar in einem persönlichen Brief an alle spanischen Häftlinge geschrieben, "aber ich appelliere gleichzeitig an Ihre Schuld." Tatsächlich hatte der Strafvollzugs-Chef die Reform der spanischen Gefängnisse unbeirrt vorangetrieben. Seit seinem Amtsantritt durften zum erstenmal seit vierzig Jahren Abgeordnete und Journalisten das Innere der spanischen Gefängnisse betreten. "Wir fühlten uns an den Archipel Gulag von Solschenizyn erinnert", schrieb die linksliberale Zeitung El Pais nach einem Besuch, und der sozialistische Senator Rogelio Barras sagte nach einem Rundgang durch das berüchtigte Gefängnis von Ocana erschüttert: "Sie leben wie die Tiere."

Haddad ermunterte solche Kritik. Seine Freunde, zu denen besonders Justizminister Lavilla gehörte, sagen heute jedoch, daß er diese Offenheit mit dem Leben bezahlte. Sieben Tage nach den Vorkommnissen, von Carabanchel wurde Jesus Haddad auf offener Straße in Madrid erschossen. In einem anonymen Telephonanruf an eine Madrider Tageszeitung hat die Extremistenorganisation Grapo nachträglich die Verantwortung für das Attentat übernommen.