Von Viola Roggenkamp

Lübeck

So lange in Lübeck laut darüber nachgedacht wird, die Altstadt unter allen Umständen zu erhalten – und dies geschieht seit knapp einem Jahrzehnt–, ist es über das Wie zwischen Kommerz und Kommune noch immer zu heftigen Streitereien gekommen. Für den Dritten, in diesem Fall die Altstadt, hat es dabei noch nie etwas zu lachen gegeben. –

Schon sehr viel haben Bürgerinitiativler, Privatsanierer, Denkmalpfleger und dem historischen Lübeck wohlgesonnene Fachleute schlucken müssen: Klumpige Parkhäuser, klotzige Kaufhäuser, verlogene Fassadenkosmetik an alten Bürgerhäusern, mit der immer wieder vertuscht werden soll, daß kostbares Interieur aus vergangenen Jahrhunderten auf die Müllkippe flog, um Beton, Glas und Stahl Platz zu machen.

Zwar stehen der Dom, das Heiligen-Geist-Hospital und die Marienkirche noch. Der Vogel wurde also bislang nicht abgeschossen. Aber die lübeckische CDU und an ihrer Seite die FDP haben beste Chancen, demnächst Schützenkönig zu werden. Kimme und Korn der Rathausmehrheit sind nämlich genau auf das Holstentor, die Salzspeicher und die berühmte Sieben-Türme-Silhouette gerichtet.

Daß in unmittelbarer Nachbarschaft zum Holstentor die Firma Horten ein monströses Kaufhaus errichten wird, ist inzwischen landauf, landab zähneknirschend verkraftet worden. Die Stadt braucht Geld – im Juni 1973 war von 70 Millionen Mark Investitionssumme die Rede –, das Arbeitsamt braucht Arbeitsplätze. Dennoch wurde es dem Düsseldorfer Konsumgiganten nicht leichtgemacht. Seit gut fünf Jahren klopften die Herren von Horten immer mal wieder im Lübecker Rathaus an, baten um Bebauungspläne, fragten nach Auflagen, willigten schließlich in einen Zwei-Stufen-Wettbewerb ein und versprachen, den Kaufhausklotz so dezent wie möglich zwischen Holstentor, Salzspeichern und Holstenhalle zu klemmen. 88 Architekten aus der Bundesrepublik reichten Modelle zur Gestaltung des Holstentorplatzes samt Horten ein.

Jahrelange Verwaltungsarbeit, zehn prämiierte Architektenmodelle sind jetzt vom Tisch gefegt worden. Die Lübecker CDU, die noch vor fünf Jahren ein Kaufhaus am Holstentor strikt ablehnte, weil sonst gefragt werden müsse, "ob es sich überhaupt lohnte für die Erhaltung Lübecks zu kämpfen, wenn den Lübeckern selbst nicht einmal ihr Wahrzeichen und die Stadtsilhouette wertvoll genug sind, um sie nicht neben einem Kaufhausriesen untergehen zu lassen" (laut Lübecker Nachrichten vom 21. 6. 1973), hat nun selbst dafür gesorgt, daß sich Horten neben dem Holstentor und vor den Salzspeichern so ausbreiten kann, wie man es sich im Düsseldorfer Stammhaus wohl nie hat träumen lassen.