Von Jean Améry

Der Titel spricht vom Garten des Menschlichen. "In einem Garten gibt es Wege, und ein verständig angelegter Garten zeigt von jedem Blickpunkt aus ein anderes, sinnvolles Bild", heißt es. Also stelle ich mir zunächst einen Garten von Le Notre vor mit sauber zugeschnittenen Büschen, übersichtlichen Kieswegen, gezirkelten Bosketts: Versailles. Aber das ist eine optische Täuschung. Der Garten hat verwildert strotzende Winkel, geheime Lauben, auch Tümpel mit Untiefen. Nichts ist einfach in dem Werk von

Carl Friedrich von Weizsäcker: "Der Garten des Menschlichen. Beiträge zur geschichtlichen Anthropologie"; Hanser Verlag, München 1977; 612 S., 34,– DM

schon deshalb, weil wir es nicht mit einem systematischen, sondern einem systematisierten Buch zu tun haben: Der Verfasser hat eine große Anzahl von Aufsätzen ganz verschiedenen Umfangs und weit ausgreifender thematischer Intention gebündelt zu einem Opus, das uns den Menschen als geschichtliches Wesen und zugleich die Geschichtlichkeit von Natur und Erkenntnis vermitteln will.

Die erste – und bleibende – Gefühlslage, in die mich die Lektüre der Arbeit versetzte, war die des Respekts. Auch die einer fast bangen Unsicherheit. Denn wie soll man ein Werk rezensieren, dessen Autor über ein Wissensvolumen verfügt, das schlechthin, stupend ist und das des Rezensenten ohne jede Vergleichsmöglichkeit übersteigt? Das geht von Plato zur fernöstlichen Lebensweisheit, von Kybernetik zur aktuellen Gesellschaftsphilosophie, von protestantischer Theologie zur Hegel-Kritik, von Wahrnehmungspsychologie zur Epistemologie – und zu was allem noch! Man ist als Jahrgangsgenosse des Verfassers ganz außerstande zu begreifen, wie ein Mensch einen so ungeheuren Wissensstoff hat aufsammeln können, ganz jenseits seines eigentlichen Fachgebiets, der theoretischen Physik!

Wie ist es möglich, daß ein Autor kompetent über Heidegger meditiert und zugleich Ernst Mach volle Gerechtigkeit widerfahren läßt? Daß er als Kenner von Gogarten sprechen und die politische Rolle der Naturwissenschaft in unserer Kultur analysieren kann? Daß er ein essayistisches "Gespräch mit Freud" führt und von der Rolle des Militärs im Rahmen des Friedensproblems handelt? Dergleichen kommt gemeinhin nur bei Dilettanten vor, aber davon kann natürlich hier nicht die Rede sein. Weizsäcker ist vor jeder Art von Dilettantismus nicht nur durch seine nachgerade ungeheuerliche, die berühmt – berüchtigten "two cultures" vereinende Allgemeinbildung geschützt, sondern auch durch die Tatsache, daß er durch die strenge intellektuelle Schule des logistischen Neopositivismus ging, dem er zu meiner großen Genugtuung seine Reverenz erweist, auch wenn er ihn nach ganz anderen Räumen hin zu überschreiten trachtet.

Schopenhauersche Klarheit