Hebt die Weiße mit’n Schuß! – / Bang! Schade, daß so eener sterben muß, / so een positiv kritischer, / kosmopolitischer Lokalpatriot

Robert Gilbert, im Gedicht Grabstein für Justav, aus dem Band "Durch Berlin fließt immer noch die Spree"

Robert Gilbert

Robert Gilbert? Nie gehört. Und wir wissen schon nicht mehr, wie seinen Namen aussprechen. Aber seine Schlager singen wir ("Das ist die Liebe der Matrosen", "Das gibt’s nur einmal") und seine – meisterhaften – Übersetzungen der Songs aus den Musicals "Annie Get Your Gun" und "My Fair Lady", wo er das englische Wort- und Reim-Spiel vom "Rain in Spain" nachdichtete als: "Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen." Gilbert, waschechter Berliner (mit zugehöriger "Schnauze", wie die vielen frechen Gedichte und Lieder im Berliner Jargon beweisen), war Sohn des Operettenkomponi sten Jean Gilbert. Komponist auch er, und Dichter, Übersetzer, Romancier. Schicksal eines deutschen Juden: Das Ausland hielt mehr von ihm als die Heimat. Klar, wenn einer, 1933, so dichtet: "Weil das Vaterland erwacht ist, / müssen viele schlafen gehn." Gehn mußte da Gilbert – ins Exil. Von 1939 bis 1950 lebte er in Amerika – und hatte Heimweh nach jener "Monstrosität aus Wurst und Gerstensaft / Und Weihnachtsbaum und Peitsche". Er war nicht nur der Troubadour jener "champagnerfarbenen Welt voll Sang und Klang". Muß man ihn auch nicht gleich, wie Hannah Arendt in ihrem schönen Nachwort zu dem Band "Mich hat kein Esel im Galopp verloren", zu jenem "Nachfahren" erheben, "den Heine nie gehabt hat", so ist hinter der Tusch- und Tüll-Welt Gilberts ein sarkastischer Poet von scharfem politischem Witz zu entdecken. "Wenn die Helden heldentümeln, / lebt die Heimatfront von Krümeln" – in solch lässigen Reimen ist mehr an kritischer Energie versteckt als in manchen Büchern, die im ideologischen Gleichschritt daherkommen. Der skeptische Plauderer, der melancholische Sprachspieler, der voraussah: "Wenn dein Leichnam plötzlich umfällt, / wird keen Ooge naß" – jetzt könnte er entdeckt werden. Denn jetzt ist er gestorben, der deutsche Dichter Robert Gilbert, einsam, im Tessin, 78 Jahre alt.

"Der Atem". Ein Ohnmachtsanfall

Unvollständig war die Verfasserzeile der Rezension von Thomas Bernhards Memoirenband "Der Atem" (ZEIT Nr. 14, 31. März): Für die gedruckte Fassung seiner Kritik schuldet Rolf Michaelis dem Druckfehlerteufel Dank. Ihm nicht und keinem der – unter der mangelhaften Interpunktionskunst der Redaktion leidenden – Korrektoren fiel bei der Revision auf, daß der an einer "nassen Rippenfellentzündung" erkrankte Erzähler von den Ärzten natürlich nicht philologisch "interpunktiert", sondern medizinisch "punktiert" wurde. Aus den "Ohnmachtsanfällen der Interpunktion", wie fälschlich zu lesen war, wurde der Rezensent durch eine zweite, poetischere Erfindung des als Druckfehlerteufel geschmähten Mitarbeiters gerissen: Aus den "Atmungsorganen" wurden "Atmungsorangen".

Zeitschriften-Frühling

Unserer Meldung "Gründerzeit für Literatur-Zeitschriften" im Zeitmosaik vom 3. März müssen wir eine weitere Information hinterherschicken. In Heidelberg gibt Martin Grzimek eine "Literarische Zeitschrift" heraus, deren erstes Heft (Auflage: 400, 16 Seiten, 2 Mark) jetzt mit Gedichten von Landfried Schröpfer, Jörg Burkhard und Michael Buselmeier erschienen ist. – "LIT – Literatur-Magazin für Freunde des Buchhandels" heißt ein neues Informationsblatt, das die Abteilung Information und Öffentlichkeitsarbeit im Börsenverein des Deutschen Buchhandels in Frankfurt von Mai an alle zwei Monate herausbringen will. Die Null-Nummer, 32 Seiten stark, davon 12 Seiten Werbung, hat mit "Autoren-ABC", "Autoren-Rätsel", Kinderseiten und vielen Informationen bei den Buchhändlern Anklang gefunden. – Als neue Fachzeitschrift erscheint im Verlag Oldenbourg, München, die "Soziologische Revue – Besprechungen neuer Literatur", herausgegeben von Heinz Hartmann, Friedhelm Neidhardt, Claus Offe und Wolfgang Schluchter. Die Zeitschrift (120 Seiten) erscheint einmal im Vierteljahr zum Preis von 25 Mark (Abonnement: 72 Mark) und wendet sich vor allem an Soziologen, Psychologen, Pädagogen, Politologen und Historiker, denen sie ein "Forum fairer Kritik" bieten will. – "Der Apokalyptische Reiter" nennt der Verlag Günter Emig, Karlsruhe, eine Zeitschrift, die dreimal jährlich erscheinen soll (Gesamtumfang 200 Seiten, 3,80 Mark, Abonnement: 10 Mark jährlich). Das erste Heft bringt auf 40 Seiten 17 Erzählungen des 1950 in Münster geborenen Christoph Schubert unter dem Titel "Am Ende der Zeiten". – Aus Münster kommt auch die von Elmar Wilms herausgegebene Literaturzeitschrift "Kaktus", die nicht nur poetische Texte, Bilder, Photos, Collagen bringt, sondern durch Konzentration auf Themenhefte (wechselnden Umfangs zum Preis zwischen 3 und 8 Mark) die Kommunikation unter den "betroffenen" Gruppen fördern will. Bisher sind erschienen: "Kinder", "Krankenhaus", "Liebe", "Sucht". Geplant sind "Eine Drogenkarriere" (Karin Struck), "Ich will als Kind Kind sein" (Elisabeth Alexander).