Jeder nimmt die Farbe seiner Umgebung an, sagt ein chinesisches Sprichwort. Und so war denn Pekings Außenhandelsminister Li Tschiang bei der Besichtigung des Airbusses von seinen Gastgebern Strauß und Karry kaum zu unterscheiden: ein Maoist in Schlips und Kragen. Heißt es nun, nach Mao, auch Abschied nehmen vom Mao-Look?

Wohl hatte der Große Vorsitzende, dem Kleideretikette ein Greuel war, dieses Gewand gar nicht erfunden, sondern sein Lehrmeister, der bürgerliche Nationalrevolutionär Sun Yat-sen. Doch die hochgeschlossene Jacke mit dem schmalen Kragen, unter dem man das Hemd nur ahnen durfte – eine Kreation, welche die Strenge altchinesischer Tradition mit dem Spartanertum des Feldlagers und dem Habit russischer Kommissare kombinierte –, wurde nach 1949 zum Erkennungszeichen ganzer Funktionärsgenerationen. Nur bei näherem Hinsehen entpuppte sich die scheinbare Monotonie der Kleiderordnung als raffinierter Chic einer Neuen Klasse – Rangunterschiede wurden durch feinere Stoffqualität betont.

Wenn neuerdings die chinesischen Frauen Rock und Dauerwelle wiederentdecken, so werden auch die gleichberechtigten Männer dem kulturrevolutionären Einerlei ein paar Farbtupfer hinzufügen wollen. Minister Li war als Botschafter der neuen Mode (und des politischen Wandels) gut gewählt – der 75jährige Herr weiß noch, wie man einen Knoten schlingt.

Ins Kanzleramt ging er allerdings hochgeschlossen – aber irgendwo muß er ja seinen alten Anzug auftragen. Kj.