Carl Jacob Burckhardts "Memorabilien": Blick auf eine weite menschliche Landschaft

Von Marion Gräfin Dönhoff

Oft in seinem letzten Jahrzehnt hat Carl Jacob Burckhardt, der Historiker, Diplomat und Schriftsteller, darüber geklagt, daß er nie das schreiben könne, was ihm wirklich Vergnügen mache. Immer gab es Pflichten, denen er sich nicht entziehen konnte. Auch nachdem in einer gewaltigen Kraftanstrengung der zweite und dritte Band des Richelieu vollendet war, rissen die Ansinnen, Forderungen, Bitten nicht ab: ein Nekrolog auf einen Freund, eine Rede zur Fünfhundert-Jahrfeier, die Würdigung des Lebenswerks einer bedeutenden Persönlichkeit.

Erst in den allerletzten Jahren, vor seinem Tode im Frühjahr 1974, ging der Achtzigjährige daran, alte biographische Notizen und Erinnerungen zu sammeln und Erlebnisse und Eindrücke aus vergangenen Zeiten niederzuschreiben. Oft sind es nur hingeworfene Skizzen. Manches wurde nicht vollendet. Anderes, vor allem Porträts von seinem Vater, von Hugo von Hoffmannsthal, Rainer Maria Rilke, der kommunistischen Agentin Anna, sind ungemein eindringlich und einprägsam: scharfe Konturen, bestechende Farben und stets auch der geschichtliche Hintergrund, die kulturelle Aussage.

Ein Historiker am Werk

So, wenn er bei der Schilderung der Eltern mit wenigen Strichen ein Bild der tausendjährigen Patrizierstadt Basel entwirft, einer Stadtgemeinde von nicht mehr als 60 000 Einwohnern, die in der Zeit von Humanismus und Aufklärung eine bedeutende Rolle gespielt hat und an deren Universität ein Nietzsche, ein Bachofen und ein Jakob Burckhardt gleichzeitig gelehrt haben. "So vieles", heißt es in jenem Kapitel, "galt für selbstverständlich; das sittlich genau geregelte Verhalten, die völlige Unmöglichkeit, etwas Unehrenhaftes zu tun, die Unterordnung gewisser im Menschen vorhandener Naturkräfte unter den Begriff der Pudenda, oder auch die Scheu vor jedem Gespräch über materielle Fragen bis zum Augenblick, in dem diese dann zum Beruf gehörten. Schließlich aber und vor allem galt immer wieder das Geheiß, ja, die Notwendigkeit, sich dem Gemeinwesen freiwillig zur Verfügung zu stellen."

Auch bei der Schilderung seines baltischen Freundes, Baron Andreas Pilar, spürt man wieder den Historiker am Werk: "Pilar vertrat das Ende einer Gruppe, die so lange katalysatorisch gewirkt hatte, bis sie von der kolonialen Dürftigkeit der aus USA stammenden Formel Selbstbestimmung der Völker’ aus der Wurzel gerissen wurde und in einer der unzähligen Emigrationen des 20. Jahrhunderts langsam verdorrte." All diese Skizzen, Notizen, Beobachtungen sind jetzt nach seinem Tode unter dem Titel: