Das Himalaya-Bergland Nepal, das Dach der Welt, ist wie kein anderes Land Ziel von Menschen, die, des westlichen Material-Lebens überdrüssig, etwas anderes, höheres oder tieferes suchen: sei es im Naturerlebnis auf den höchsten Bergen dieser Erde, sei es in der Vertiefung und Meditation inmitten dieser buddhistischen und hinduistischen Tempelwelt, sei es schlicht mit Haschisch und Hippies.

Die Vielfalt und die Farbenpracht lockte schließlich auch wieder Material-Produzenten ins Land: die Büchermacher. Eine kaum noch zu überschauende Menge von guten und schlechten Text-Sammlungen und zum Teil phantastischen Bildbänden ergoß sich auf die Regale: von Ludmilla Tütings schon früher besprochener einfacher Informationsbroschüre "Nepal für Globetrotter" bis zu Dietmar Franks Photo-Großband "Traumland Nepal" (Süddeutscher Verlag, 192 Seiten, 100 Farbbilder, 65 Mark). Jetzt griff natürlich auch der DuMont-Verlag zu. In der Reihe mit dem anspruchsvollen Titel "Richtig reisen" veröffentlichte er

Dieter Benedig: "Nepal–Kathmandu: Tor zum Nepal-Trekking"; DuMont Buchverlag, Köln; 288 Seiten mit 37 farbigen und 114 einfachen Abbildungen, Karten und Plänen, 28 Mark

Außer dem Autor, der "Physiker, begeisterter Skifahrer, Bergsteiger, Kajakfahrer" (Eigenwerbung) ist, haben 14 weitere Leute mitgeschrieben, Historiker, Ingenieure, Architekten, Verlagsangestellte, Reiseleiter, Lehrer, Piloten oder Photographen, dank denen die Photos wirklich eindrucksvoll sind, wenn auch – wegen des kleinen Formats – nicht mit Dietmar Franks Groß-Abbildungen vergleichbar.

Bei den 15 Namen ist kein einziger Reise-Schriftsteller oder -Journalist auszumachen. Und bei den gesammelten Wortbeiträgen ist, wenn schon kein brillanter, so auch kein sprachlich einfühlsamer, gewandter Artikel zu entdecken. Das geht von trockenem, langatmigen Gelehrtenton ("Kunsthistorisch ist das Wirken des Pratapamalla deshalb interessant, weil es durch ein gewisses archäologisches Interesse gekennzeichnet ist") bis zu Ich-Texten mittelmäßiger Schulaufsatzqualität ("Als wir das Tal hinaufwandern, muß ich erstaunt feststellen, daß ein Felssturz den Steig ungangbar gemacht hat"). Oder ein anderer Autor: "Was mögen sie (Nepalis auf dem Flughafen) sich wohl für Gedanken machen über den Inhalt der prallen Rucksäcke ...?"

Vermutlich haben sie noch nie einen Trekker gesehen. Oder jedenfalls nicht mit prallen Rucksäcken. Überhaupt die Klischees. Was sind Rucksäcke? Prall! Was sind die Sherpa-Führer? Hager und drahtig! Was ist der Machhapuchare? Majestätisch! Der Himalaya? Das höchste Gebirge der Erde, das Superlative aufweist, wie sie kein anderes Gebirge kennt!

Der Trekking-Teil des Buches, der außer einigen Tour-Abschilderungen und allgemeinen nützlichen Informationen mit einer Beschreibung einer Kajak-Fahrt endet, ist der zweite von insgesamt drei Haupt-Blöcken, wobei der letzte, der sachliche Informationsteil, der beste ist. Der erste Block ist Kathmandu und seiner Umgebung gewidmet. In nicht erkennbarem Zusammenhang gibt es da elf Kapitel wie "Fest in Kathmandu", "Architektur im Kathmandu-Tal", "Fenster in Kathmandu", "Dörfliche Trinkwasserversorgung" und anderes. Das Ganze endet mit einer Liebeserklärung an Boris, nämlich Boris Lissanevitch, einen russischen Ex-Tänzer, der in Kalkutta und Kathmandu feudale Klubs und Hotels gegründet hat, darunter das heute noch berühmte "Yak & Yeti" mit seiner "phantastischen Borschtsch-Suppe". Über diesen Mann, seinen "unternehmungslustigen Charakter, seine Vitalität und seine Fähigkeit, seine Gäste auf das Glänzendste zu unterhalten, seine Großzügigkeit und seinen Witz" geht es fünf Seiten. Und das endet so: "Ausklang am offenen Feuer bei Boris. Kann man sich einen besseren Abschied von Kathmandu vorstellen?"

Ich kenne viele Nepal-Besucher, die das können. Wolf ram Runkel