Das besondere Verhältnis der Diplomaten zur Kultur – New York und Brüssel: Die harten Knochenmühlen

Von Nina Grunenberg

Im Palais Beauharnais ißt man gut. Selbst Michelin-Inspektoren würden der Küche in der Rue de Lille zwei Sterne geben müssen, was heißt: "Ein Umweg lohnt sich." Das fand auch Monsieur André Bergeron, der Generalsekretär der "Force ouvrière", der drittgrößten französischen Gewerkschaft. Als er vom Tisch im Mamelukkensaal des Beauharnais aufstand und sich schmunzelnd die Menükarte in die Brusttasche steckte, war Botschafter Axel Herbst zufrieden. Anders als deutsche Gewerkschaftsführer, die schon mit Bratkartoffeln oder einer Erbsensuppe glücklich zu machen sind, haben französische Arbeiterführer mit Proletariermahlzeiten so wenig im Sinn wie ein Angehöriger der Rothschild-Familie. Als Hauptgang hatte es "Amourette d’Agneau Maître Victor" gegeben mit einer getrüffelten "Salade belle époque", dazu einen Château Lamarque 1971. Hinterher dankte Botschafter seinem jungen Küchenchef Manfred Herold und Majordomus Peter Schölzgen, der den Weinkeller der Residenz führt: Der gute Ruf des Palais Beauharnais ruht auf ihren Schultern.

Essen und Trinken spielen im Leben der Diplomaten eine gewaltige Rolle; und gerade in Paris wird dabei ein Stil von ihnen verlangt, den das noble Haus aus dem frühen 18. Jahrhundert in fürstlicher Pracht entfaltet. Als General de Gaulle das Palais Beauharnais, seit 1815 die Residenz der preußischen Gesandten und deutschen Botschafter, den Deutschen 1961 als Zeichen der Versöhnung zurückgab, renovierten sie es von außen und innen so stilgerecht, als müßte sich Königin Hortense, die Mutter Napoleon III., noch heute dort zu Hause fühlen. Ihr Schlafzimmer mit dem Prunkbett – samt den kunstvoll wiederhergestellten Einschußspuren aus den Tagen der Kommune im Spiegel am Kopfende, gehört zu den Sehenswürdigkeiten des Beauharnais, ebenso der Haremsfries im türkischen Ruhezimmer, in das sich Bismarck als preußischer Gesandter 1862 zurückgezogen hatte, ungeduldig darauf wartend, daß der König ihm endlich die Führung der Staatsgeschäfte in Berlin anvertraue. Bei soviel vorzeigbarer Geschichte muß es sich der Botschafter in Paris gefallen lassen, seinen Gästen auch als Museumsführer zu dienen.

Dem Ausland zu demonstrieren, daß sich die Deutschen neben ihrem Geschäftssinn auch noch Reste von Kultur bewahrt haben, kann in einer Botschafter-Residenz nicht schaden. Bei einer größeren Vertretung sind im Jahr etwa 6000 bis 7000 Personen im Hause des Botschafters zu Gast – oft Leute, die in der Politik und der öffentlichen Meinung des Gastlandes eine Rolle spielen. Die Eindrücke, die sie dort empfangen, bestimmen ihr Bild von der Bundesrepublik mit.

Stil der Bonner Baubürokraten

Dennoch werden die Renovierungs- und Unterhaltungskosten des Beauharnais von den vielgeschmähten "Erbsenzählern" im Haushaltsausschuß des Bundestages und im Finanzministerium noch heute regelmäßig in Frage gestellt. Sie sind den Stil der Bundesbau-Direktion gewohnt, die nicht nur beim Bundeskanzleramt in Bonn, sondern auch an vielen Orten im Ausland die Profil- und Gesichtslosigkeit zum deutschen Repräsentations-Standard erhob – bei den Botschaften in Neu-Delhi und Tokio zum Beispiel. "Es gibt doch zu denken", findet Botschafter Günter Diehl in Japan, "daß man an vielen Amtsgebäuden des Auswärtigen Dienstes ohne weiteres die Schilder wechseln und durch diejenigen einer Bank, einer Gewerkschaft oder eines Industriebetriebes ersetzen könnte, ohne daß dies Verwunderung auslösen würde. Aber die Verantwortung trifft nicht nur die Bonner Baubürokraten, sondern auch das Auswärtige Amt, das so gut wie nie an hoher Stelle einen intensiven Dialog mit den Architekten geführt hat."