Von Heinz Josef Herbort

Die meisten Besucher verpaßten, obwohl sie dabei waren, die Uraufführung. Scheinbar. Und das kam so: Für die erste öffentliche Realisation der "Variations, VIII" von John Cage hatten Heinz-Klaus Metzger und Rainer Riehm, Widmungsträger des Stücks und unerschütterliche Apologeten des Komponisten, lediglich einen Teil der Partitur – genauer müßte man sagen: der Graphik – ausgewählt, die linke Hälfte des oberen Drittels. Dort aber heißt es: "Keine Noten mitbringen. Keine Aufnahmen mitbringen. Türen und Fenster, die geöffnet werden können, öffnen, so daß Klänge eindringen von draußen, aus anderen Zimmern, aus anderen Stockwerken. Was soll ich tun? Nichts. Kein Konzert? Keine Lesung? Nichts."

Diese erste, die – wie die Interpreten sie nennen – "nihilistische" Fassung wurde zudem "gekürzt" dargeboten: Da im Kölner Kunstverein die Fenster nicht zu öffnen (und folgerichtig auch nicht zu schließen) sind, da auch "die Türen hier nichts einbringen", waren jene einzigen Aktionsteile entfallen, war also letztlich an sinnlich wahrnehmbaren Phänomenen nichts zu registrieren – war, um es auf gut deutsch zu sagen, nichts passiert. Und damit hatte auch sogar der winzige in der Graphik noch vorhandene Rest eines Aufführungsrituals, nämlich der deutliche Beginn und das Ende des Stücks nicht erkannt werden können.

Dennoch erklärte Heinz-Klaus Metzger anschließend völlig zu Recht, er "bitte zu vermerken: Das Stück ist heute uraufgeführt worden". Auch ist nichts dagegen einzuwenden, daß "wir uns vorbehalten, zu anderen Zeitpunkten an anderen Orten andere Versionen auszuwählen". Schließlich stimmt im allgemeinen Metzgers Ansicht: "Wenn man ein Stück zum erstenmal spielt (freundlich-beifälliges Gelächter), spielt man mal die erste Fassung."

Um wenigstens kurz die Inhalte weiterer möglicher Fassungen mitzuteilen: Bei der Version "Zeugnisse des zwanzigsten Jahrhunderts" werden die Interpreten unter anderem auch "das Gebäude einschließlich des Kellers nach beweglichen oder unbeweglichen Maschinen absuchen, sie einschalten und wieder ausschalten, ob sie funktionieren oder nicht"; in der dritten Version eine "haptische" oder "akustische Exploration des Raumes" durchführen und "Mikrophone in Relation zu den Lautsprechern bringen" (also Rückkopplungseffekte erzeugen); in der vierten "eine Tischfläche und/oder andere Flächen umkehren" und und und.

Rainer Riehn beantwortet die hier unweigerlich und notwendig auftauchende Frage wie folgt (in dem John Cage gewidmeten Sonderband der im übrigen vorzüglichen und mit viel Gewinn zu lesenden Reihe "Musik-Konzepte" der edition text + kritik): "Als Cage 1959 in Mailand nach der Uraufführung von "Fontana Mix’ gefragt wurde, ob das noch Musik sei, antwortete er: ‚You must not call it music, if this expression hurts you.‘ Und als Heinz-Klaus Metzger Cage 1966 nach einer Probe der Merce Cunningham Dance Company vor dem Betreten eines Restaurants auf den Champs-Elysees fragte, worin der Unterschied zwischen gewöhnlichem Türöffnen und dem Türöffnen als künstlerische Aktion bestehe, antwortete Cage: ‚If you celebrate it, it’s art: if you don’t, it isn‘t!"

John Cage: für die einen ein Guru – für die anderen ein Scharlatan; für jene eine Hohepriester-Figur, die die europäische wie die amerikanische oder japanische Kunstmusik, aber auch die indisch orientierte Popmusik wie den free jazz oder die künstlichen Klänge der Elektronischen Musik mehr beeinflußte als irgend jemand sonst seit Arnold Schönbergs Zwölftontechnik – für diese ein Dilettant, der die Verführbarkeit vernagelter Progressisten kalt ausnutzt und unter dem Mäntelchen pseudo-philosophischer Theorien die absolute Unfähigkeit zu konsequent ter künstlerischer Äußerung oder Leistung zu verbergen sucht. John Cage: ein Joseph Beuys oder Ernst Jandl der Musik.