Von Helmut Schneider

Die ägyptische Sphinx war für Hegel „das Symbol gleichsam des Symbolischen selber“ – er betrachtete das Mischwesen mit dem Haupt eines Menschen und dem Leib eines Löwen als Paradefall einer Kunst, die Bedeutungen, über die sie sich nicht im klaren war, in Symbolen verrätselte. Der menschliche Geist wolle aus dem Tierischen hervordrängen. Die Sphinx war ein Rätsel, für das es keine Lösung gab.

Die griechische Sphinx hat das Geheimnis der ägyptischen in Form einer Frage weitergegeben: Wer geht morgens auf vier Beinen, mittags auf zweien, abends auf dreien? Ödipus wußte die Antwort: der Mensch. Die Sphinx von Theben stürzte sich vom Felsen: Das Symbol war enträtselt.

Hegel Hat in einer kühnen Konstruktion zwei verschiedene Erscheinungsformen der Sphinx miteinander verbunden, im Sinne seiner Vorstellung vom Gang des Geistes den ägyptischen Prototyp als Vorstufe der wesentlich jüngeren, nicht unmittelbar davon abhängigen griechischen Fassungverstanden: vom Unbewußten zum Bewußten.

Hegel war, für seine Zeit, erstaunlich gut informiert über die Kunst des alten Ägypten. Er kannte die Ergebnisse der Aufgrabungen um die große Sphinx von Giseh, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon recht genau die Formen des erst 1925/26 vollständig freigelegten Bildwerks erschlossen. Er wußte noch nicht, daß der Kopf dieser Sphinx das Porträt eines bestimmten Menschen war, der eines Pharao, wahrscheinlich Chefren. Die Sphinx repräsentierte den Pharao nun nicht als weltlichen Herrscher, sondern in seinem kultischen Aspekt: Die Inkarnation des Horus, Sohn des Sonnengottes Re, garantierte die Aufrechterhaltung der kosmischen Ordnung. Das Rätsel der Sphinx lag also in der geheimnisvollen Übereinstimmung des Gottmenschen mit der Weltordnung, die in dem Löwenkörper, einem Sonnensymbol, angezeigt war, und des Rätsels Lösung ergab sich aus der Vermischung der beiden Gestalten, die erst eine sinnvolle Einheit begründete.

Die Kolossal-Sphinx von Giseh, entstanden um die Mitte des dritten vorchristlichen Jahrtausends, in der Zeit der großen Pyramiden, verdeutlichte möglicherweise den Anspruch des Pharaos auf theokratische Herrschaft; auf jeden Fall war sie ein auf die Legitimation seiner. Macht verweisendes Zeichen. In der engen Verbindung mit der Person des Herrschers, die nicht auf die Pharaonen beschränkt war, auch Alexander der Große und römische Kaiser wurden als Sphingen dargestellt, unterschied die ägyptische Sphinx sich von allen übrigen.

Ein passionierter Sphingen-Sammler, der jahrzehntelang den Spuren dieses merkwürdigen Mischwesens gefolgt ist, hat nun die Ergebnisse seiner Nachforschungen zusammengefaßt –

Heinz Demisch: „Die Sphinx – Geschichte ihrer Darstellung von den Anfängen bis zur Gegenwart“; Verlag Urachhaus, Stuttgart, 1978; 300 S., 640 Abb., 98,– DM.

Demisch konnte nirgendwo eine konkrete Entsprechung zur Pharaonen-Sphinx finden. Die Sphingen, die das Stadttor der hethitischen Hauptstadt Hattuscha, den Palast der assyrischen Könige oder der persischen Großkönige bewachten, waren mehr abstrakte Symbole der Macht. In Griechenland war die Sphinx, ihrer mythologischen Herkunft nach, ein Ungeheuer (sie entstammte der Verbindung des Giganten Typhon mit dem Schlangenweib Echidna): Würgerin, Todesdämon. Die formale Angleichung an ägyptische und vorderasiatische Vorbilder (die Flügel gehören zur Tradition der asiatischen) war spätere Redaktion. Vollends synkretistisch präsentierte sich die römische Sphinx.

Mit dem Untergang der antiken Welt endet die Geschichte der Sphinx. Das junge Christentum mißtraute der in heidnischen Kulten mächtigen Gestalt. Doch in der romanischen Kunst taucht sie wieder auf: ein Anti-Engel. In der Renaissance erhielten die Darstellungen der Sphinx wieder einen mystischen Hintersinn: Symbole des Numinosen, von dem man nicht so recht wußte, was es eigentlich war.

Das Barock entdeckte die erotische Komponente der Gestalt, die der Symbolismus des 19. Jahrhunderts noch übersteigerte: Die Sphinx wurde zur „femme fatale“. Damit war das kosmische Rätsel endgültig säkularisiert. Mit Salvador Dalís Darstellung von Shirley Temple als Sphinx wurde ein uralter Mythos mediengerecht zu Grabe getragen.