Das Reich des französischen Textil-Königs Marcel Boussac gerät ins Wanken

Von Klaus-Peter Schmid

Immer wenn die Frage nach dem reichsten Mann in Frankreich auftaucht, fällt auch sein Name: Marcel Boussac, 89 Jahre alt, Herr über Textilfabriken, Spinnereien, Modehäuser, Zeitungen, Pferderennställe, Immobilien aller Art. Er beschäftigt über 11 000 Mitarbeiter in 46 Fabriken. Sein Konzern machte 1977 einen Umsatz von 800 Millionen Francs – und steht, wenn der Staat nicht hilft, vor dem Konkurs. Aufstieg und Fall des Baumwollkönigs Boussac sind ein Kapitel französischer Industriegeschichte. Mit einem Teil des väterlichen Erbes in der Tasche kam der 20jährige Boussac 1909 aus der Provinz nach Paris und gründete sein erstes Textilunternehmen. Er handelte mit Tuchen, produzierte nach Kriegsausbruch Gasmasken, Uniformstoff und Flugzeugplänen. Nebenher verdiente er ein paar Millionen mit Spekulationen, zum Beispiel in kanadischen Eisenbahnaktien. Das Geschäft blühte.

Nach Kriegsschluß wurde weiterspekuliert. Der "König Midas, der alles in Gold verwandelt, was er anrührt" (Le Monde) kaufte zu Spottpreisen Tuch aus Armeebeständen und machte daraus unverwüstliche Arbeitskleidung, Schlafanzüge, Billigkleider – ausgesprochene Verkaufsschlager nach dem Motto "bei Nichtgefallen Geld zurück". Dann ging eine marode Textilfabrik nach der anderen in seinen Besitz über, Vor allem in den wenig industrialisierten Tälern der Vogesen. Boussac, vom Erfolg getragen, zimmerte sich ein eindrucksvolles Imperium zusammen.

Während viele Konkurrenten am Stock gingen, konnte er den Kopf immer höher tragen. Er verstand es nicht nur, einflußreiche Politiker zu guten Freunden zu machen, sondern sie auch für seine Expansion einzuspannen. Das galt für Georges Clemençeau, den Verfechter der Versailler Verträge, aber auch für Léon Blum, den Führer der roten Volksfront. Boussac fand überall Gehör – und besaß Ende der dreißiger Jahre Frankreichs Textilgruppe Nummer eins.

Auch die Wirren des Zweiten Weltkrieges konnten seinen unaufhaltsamen Aufstieg nicht bremsen. Im Gegenteil: 1942 leistete er sich das Gestüt von Jardy, ein Gelände von achtzig Hektar Größe östlich von Versailles. Dann kam ihm der Marshall-Plan zu Hilfe. Auch den Korea-Krieg nutzte er nach bewährter, Manier zu gewinnbringender Spekulation. 1947 entstand mit seinem Kapital das Modehaus Dior. 1950 produzierte er mit amerikanischer Lizenz seine erste Waschmaschine, angeblich um seinen Arbeitern den Alltag zu erleichtern.

Teilte mit keinem die Macht