Von W. Martin Lüdke

Wenn die Menschen, wie Pascal meinte, tatsächlich so verrückt sind, daß nicht verrückt sein nur hieße, verrückt sein nach einer anderen Art von Verrücktheit, dann bestätigt dies Dostojewskijs Aussage, daß man sich seinen eigenen gesunden Menschenverstand nicht dadurch beweisen kann, daß man seinen Nachbarn einsperrt. Aber: es stellt sich die Frage nach der Grenze. Vernunft und Selbsterhaltung liegen eng beieinander. Das Selbsterhaltungsprinzip, auf eine Identität gerichtet, die sich immer nur zwanghaft zusammenhalten läßt, kann damit wohl Rationalität für sich beanspruchen. Nur diese Rationalität ist, genauer besehen, von dem Wahnsinn durchdrungen, von dem sie sich gerade abheben will. Die (alltägliche) Erfahrung, die hinter den Versen steht: "In jedem Wort so viel / und so schwer zusammen zu bringendes. / Und zwischen den Wörtern noch mehr. / Allein schon die Augenbrauen." Es ist die Erfahrung des Wahnsinns, der im bloßen Registrieren der Augenbrauen bereits die Grenze unterlaufen; hat, an der sich Vernunft und Unvernunft scheiden. Es ist die Erfahrung, die sich in einem der "März-Gedichte" von Heinar Kipphardt ausdrückt, ja es ist die Erfahrung, die das Werk von Kipphardt überhaupt geprägt hat.

Kipphardt, 1922 geboren, als Psychiater ausgebildet, hat sich in einem Zwischenbereich angesiedelt. 1951 wurde er Chefdramaturg des Deutschen Theaters in Berlin. Seit 1959 im Westen, für einige Jahre an den Münchner Kammerspielen, lebt er jetzt als freier Schriftsteller in der Nähe Münchens. In den sechziger Jahren ist er als Verfasser dokumentarischer Theaterstücke zu literarischem Ansehen gekommen. In seinem Roman "März" (1976) hat er das zentrale Thema seiner gesamten Arbeit erstmals direkt aufgegriffen und in einer noch an dokumentarische Prinzipien angelehnten Form der Montage die soziale und klinische Karriere eines schizophrenen Dichters, Alexander März, beschrieben.

Jetzt hat er zwei Bücher vorgelegt –

Heinar Kipphardt: "Angelsburger Notizen – Gedichte", mit 10 Tuschzeichnungen von HAP Grieshaber; AutorenEdition/Bertelsmann Verlag, München, 1977; 220 S., 26,80 DM

einen sehr schön ausgestatteten, mit Grieshabers Zeichnungen ansprechend illustrierten Band, doch im ganzen gesehen, ein eher belangloses Buch und –

Heinar Kipphardt: "Der Mann des Tages und andere Erzählungen"; AutorenEdition/Bertelsmann Verlag, München, 1977; 224 S., 28,– DM.