Von W. Martin Lüdke

Der achtzigjährige Soziologe Norbert Elias erhielt 1977 den ersten, von der Stadt Frankfurt am Main gestifteten Theodor-W.-Adorno-Preis. Eine späte Anerkennung für ein wissenschaftliches Werk, das über Jahrzehnte hinweg nahezu unbeachtet geblieben war.

Elias, einst Assistent (nicht Schüler) von Karl Mannheim an der Frankfurter Universität, gehörte zu den ersten, die 1933 emigrieren mußten. Über Paris verschlug es ihn nach England, ohne daß er dort den Anschluß an eine akademische Karriere wiedergefunden hätte. Erst Mitte der fünfziger Jahre gelang es ihm, an der Universität Leicester Fuß zu fassen.

Seine Habilitationsschrift "Die höfische Gesellschaft" wurde 1969, etwa dreißig Jahre nach ihrer Entstehung, zum erstenmal publiziert. Ein ähnliches Schicksal widerfuhr seinem Hauptwerk "Über den Prozeß der Zivilisation", das – wie in den letzten Jahren mehr und mehr deutlich wurde – sicher zu den bedeutendsten Leistungen der deutschen Soziologie dieses Jahrhunderts gezählt werden darf. Als Elias 1939 in der Schweiz sein Werk veröffentlichte, war im Nazi-Deutschland mit keiner Resonanz zu rechnen.

Elias blieb lange Jahre ein Geheimtip. Selbst als das Buch 1969 bei Francke (Bern) in zweiter Auflage erschien, waren die Umstände einer breiteren, wirklichen Rezeption keineswegs günstig; (nicht allein) die deutsche Soziologie war vollauf mit der Auseinandersetzung marxistisch/materialistischer und systemtheoretischer Ansätze beschäftigt. Die Aufarbeitung der "ursprünglichen Akkumulation" verdeckte den "Prozeß der Zivilisation". Elias, gleichsam zwischen den Fronten, wurde zwar hier und da, meist eher versteckt, ins Feld geführt, von einer Rezeption konnte jedoch immer noch nicht die Rede sein.

Der wirkliche Durchbruch erfolgte erst, als bei Suhrkamp 1976 die dritte Auflage "Über den Prozeß der Zivilisation" erschien. In einem Zeitraum von weniger als zwölf Monaten wurden mehr als 25 000 Exemplare des Buches abgesetzt.

Der "Prozeß der Zivilisation" führt den Nachweis, in welchem Maße Strukturen, die gemeinhin als anthropologische Konstanten betrachtet werden, das Resultat einer historischen Entwicklung darstellen. Wobei auch das Resultat selber nur eine Phase in diesem Prozeß abgibt, der – ungeplant and doch strukturiert – stetig weiterläuft. Elias hat eine unglaubliche Fülle von Material zusammengetragen und, episch breit ausladend, in eine Darstellung integriert, die sich auf weite Strecken geradezu fesselnd liest.