Von Fritz J. Raddatz

Wo lassen Sie arbeiten?" fragte einst der so elegante wie spitzzüngige Schauspieler Aribert Wäscher Bertolt Brecht, als er ihn das erste Mal in der inzwischen berühmt gewordenen grauhärenen Kluft sah; so unangebracht war der Spott nicht, bekanntlich waren Brechts Arbeiterkittel maßgeschneidert und die grauen Kuli-Hemden aus Seide.

Kasimir Malewitsch, russischer Mystiker und europäischer König der abstrakten Avantgarde zugleich, ließ im ersten Hause arbeiten, bis über den Tod hinaus: Sein Sarg (als Duplikat eines der Prunkstücke der Pariser Ausstellung) wurde von Soutine entworfen, eine Art-Déco-Preziose in Grün und Weiß.

Der fast panische Zwang zum Normalisieren, und das heißt zum skelettierenden Fortlassen alles Überflüssigen, ist eines der Grundgesetze von Malewitschs Malerei, ob sie nun hergebrachterweise kubistisch, suprematistisch oder nonfigurativ genannt wird. Skandal jedenfalls löste die Kompromißlosigkeit seiner Linienführung und der Schock seiner Farben allemal aus, ob vor 70. Jahren, als er erstmals neben Kandinsky in der Moskauer Künstlerassoziation ausstellte, ob vor 60 Jahren, als er für Meyerholds Inszenierung von Majakowskis "Mysterium-Buffo" die Kostüme entwarf und seine ersten monochromen Flächen vorstellte, oder vor 50 Jahren, als er in Berlin seine größte Ausstellung zu Lebzeiten (54 Bilder und Gouachen und 19 Zeichnungen) vorstellte: "Nieder mit den Futuristen! Nieder mit den Skandalstiftern!" war der stete Schrei, den man kennt, wo immer Neues in Wort und Schrift sich Bahn zu brechen scheint. Der fast erschütternde Eindruck, den man beim Wandern durch die Stäbe und Flächen seiner Abstraktionen, beim langsamen Lesen seiner Tafelbilder und Collagen und beim oft auf hilflose Weise traurig machenden Betrachten seiner ganz und gar ungewöhnlichen Farbkompositionen hat, wird wohl durch die unerbittliche Konsequenz dieses Malers bestärkt. Viele seiner bedeutenden Bilder kennt man aus dem Stedelijk-Museum in Amsterdam, aber diese große Rückschau, ergänzt nicht nur durch besonders wertvolle Exponate und Kleinformate aus der Tretiakov-Galerie, sondern auch aus ganz entlegenen Sammlungen von überall her, führt doch auf neue Weise eine Entwicklung vor: Fast unbekannt seine Anfänge als Spätimpressionist mit ganz konventionellen Bildern, und dann die sehr rasche Unbilligkeit der eigenen Konformität gegenüber. Die wohldokumentierte Ausstellung zeigt, daß nicht irgendein Malgenie am Werk war, sondern ein hoch reflektierter Intellektueller, der einerseits Einflüsse etwa von Chirico oder Mondrian aufnimmt, der aber gleichzeitig über deren Grenzen hinausdringt.

Und da sind zwei neue Dimensionen, die unmittelbar miteinander zu tun haben: in der Schrift und in der Plastik. Schrift heißt im Falle Malewitsch, daß er eine eigene Theorie formaler Bezüge entwickelt hat, die sowohl Ergebnis seines künstlerischen Arbeitens als auch deren Voraussetzung war. Zahlreiche Skizzen sind bereits Diagramme, verbale Ergänzungen und Experimentierstadien zu neuen formalen Möglichkeit ten. Ganz folgerichtig entwickeln sich dann aus diesen ästhetischen Überlegungen, die sehr an Chlebnikow erinnern, architekturale Entwürfe,

Das ist die Form von Malewitschs Entwürfe, Architektur. Es war seine Art, dem Gedanken der Revolution treu zu bleiben, Menschen nicht etwa, nur an etwas ihnen Fremdes heranzuführen, sondern sie gleichsam einzubeziehen. Malewitsch ist Träumer und Rationalist zugleich, der Entwerfer einer, großen konkreten Utopie. Die von ihm selber in die Zuckerbäcker-Architektur Moskaus hineincollagierten puristischen Entwürfe bringen den heutigen Betrachter fast zur Verzweiflung: Was für grandiose, konsequente Modelle einer Schönheit des Humanen, des Gebräuchlichen und des Möglichen waren damals entwickelt worden. Wie seine großen Tableaus der suprematistischen Malerei eine Wirkung des Nachdenklichmachens haben, so hat sein Versuch, dem neuen Menschen eine neue Daseinsform zu verleihen, etwas Berührendes. Auch mit dem Resultat, das Nachdenken oft produziert: Vergeblichkeit.

Man wandert an diesen Bildern entlang, ist gar hingerissen von der Qualität ihrer Malweise, von ihrem-spektakulären Umwerfen alles Kleinen, Hergebrachten, Konventionellen – und ertappt sich im selben Augenblick bei einer kleinlichen, hergebrachten, konventionellen Attitüde des bloß Genießerischen. Nun hängen sie in den großen Museen dieser Welt und sind nur noch schön, seine Porträts, seine zögernden, oft skizzenhaften Zeichnungen; nun stehen sie unter Glasstürzen, seine auffliegerischen Versuche, das Wohnen der Menschen zu entrümpeln und Klarheit zu schaffen statt Blümchengardinen – und sind plötzlich auf eine höchst ungerechte Weise sehr tot. Malewitschs Idee der Avantgarde war keine rein künstlerische, war ein Versuch zu dienen und nutzbar zu machen, war Aufbruch im doppelten Sinne des Wortes: Aufbrechen des Alten und Aufbruch zu Neuem. Die Photos von seiner Beerdigung zeigen vielleicht nicht zufällig ein Gesicht von Bitterkeit überschattet.