Weltweit wird versucht, die Krise mit Staatshilfe zu meistern

Von Horst Kerlikowsky

Die Stahlbosse der westlichen Welt können vom Leben der Genossen Manager im Ostblock nur träumen: Dort, arbeiten die Stahlwerke auf Hochtouren, die Produktion steigt jährlich, Absatz- und Beschäftigungssorgen gibt es nicht. Die staatliche Planwirtschaft macht’s möglich – wenn sie auch die Versorgung der Abnehmer nicht schafft.

Diese staatliche Planwirtschaft ist nun auch die Hoffnung der westlichen Stahlbosse. Von der EG-Kommission in Brüssel festgesetzte Produktionszahlen, Mindest- und Orientierungspreise sowie "Preisdisziplinierungsvereinbarungen" mit unliebsamen Konkurrenten außerhalb des EG-Raums sollen die westeuropäische Stahlindustrie aus der schwersten Krise der Nachkriegszeit herausführen – und keiner der der sozialen Marktwirtschaft verpflichteten Stahlbosse protestiert. Denn, so lautet das Alibi, diese Maßnahmen sind ja nur vorübergehend – und marktwirtschaftliche Lösungen helfen nun einmal nicht, wenn in derselben Branche in anderen Ländern die Marktwirtschaft nicht gilt.

Doch trotz der EG-Planwirtschaft – ein Ende der Stahlkrise ist nicht abzusehen; denn Überkapazitäten, Strukturprobleme und Wettbewerbsverzerrungen durch staatliche Einflüsse lassen die Stahlkocher bereits im vierten Jahr schier verzweifeln. Die Verluste westeuropäischer Hersteller summierten sich allein im letzten Jahr auf zehn Milliarden Mark.

Rigorose Lösungen, die nur über Kapazitätsstillegungen und damit verbundene Entlassungen von Tausenden von Beschäftigten zu erreichen sind, werden aus rein politischen Gründen nur flüsternd diskutiert. Inzwischen wird der Steuerzahler zur Kasse gebeten, um die Brüsseler Hilfsmaßnahmen zu finanzieren; die Stahlverarbeiter müssen mehr zahlen als nötig – und der Verbraucher zahlt letztlich die Zeche über höhere Preise.

Noch vor wenigen Jahren war diese Situation schier unvorstellbar. Stahl war das Symbol des industriellen Fortschritts. An seinem Pro-Kopf-Verbrauch wurde der Entwicklungsstand einer Industrienation gemessen. Die Stahl-Produktion in großem Stil hatte das Industriezeitalter erst möglich gemacht. Ohne Stahl gäbe es keine kühn konstruierten Brücken, keine Eisenbahnen, keine Maschinen, keine Öltanker, keine Autos. Nicht umsonst wurde Mitte des vergangenen Jahrhunderts eine Stahlkonstruktion für den Kristallpalast in London gewählt, in dem eine Weltausstellung den industriellen Fortschritt zeigen sollte.