Von Peter Gillhofer

München

Mit stechendem Blick folgen die beiden schwarzen Lederjacken dem übermütigen Treiben der Kinder. Die toben mit Schulranzen auf dem Rücken rund um eine Bank in der U-Bahn-Station "Münchner Freiheit". Nach kurzem Warten schreiten die Lederjacken ein: "Jetzt ist aber Ruhe hier!" Die fünf, sechs Knirpse schauen teils überrascht, teils verängstigt hoch. Die Scheu vorm "Schwarzen Mann" ist noch lebendig. "Du kannst ja mitspielen, Sheriff", bietet der mutigste von ihnen trotzdem an. Kein Lächeln huscht über die Gesichter der Lederjacken. Der Frage eines umstehenden Erwachsenen, warum die Kinder denn nicht spielen dürften, ist eine knappe, glatte Antwort beschieden: "Wir haben hier für Ordnung zu sorgen."

In der Tat. Erst kürzlich haben die Münchner Stadtwerke den Bewachungsvertrag des U-Bahn-Netzes mit den "Schwarzen Sheriffs" um ein Jahr verlängert. "Im Interesse der Sicherheit der Fahrgäste" könne die Stadt nicht auf die wertvolle Hilfe des "Zivilen Sicherheitsdienstes" verzichten. Immerhin habe dieser im vergangenen Jahr 26 000 Menschen, die in irgendeiner Form gegen die Hausordnung verstoßen haben, aus den Bahnhofsanlagen verwiesen, ferner 20 ausgerückte Kinder und 49 entlaufene Hunde wieder eingefangen. Spricht die Statistik also für die privaten U-Bahn-Wächter?

In letzter Zeit sind die "Schwarzen Sheriffs" aus dem offenbar so wilden Süden wieder einmal in die Schußlinie geraten. Die private Sicherheitstruppe des Selbstverteidigungskünstlers Carl Wiedmeier hat vom bayerischen Landeskriminalamt (Lka) eine Sprengstoffausbildung erhalten, Beamte des Ressorts 73, der Sprengstoffabteilung also, unterrichteten die Privatkollegen zwei Tage lang gratis in Theorie und Praxis polizeigemäßen Vorgehens bei Bombenattentaten von Terroristen. Aufregung verursachte die kriminalpolizeiliche Sprengstofflektion vor allem deswegen, weil den Münchner Polizisten mit Ausnahme eines Sondereinsatzkommandos eine gleiche Ausbildung unter Hinweis auf Personalmangel vorenthalten worden war. Ein Sprecher der Polizeigewerkschaft (GdP) dazu: "Solange bei der Polizei selbst noch ein riesiger Nachholbedarf nach einer solchen Ausbildung herrscht, kann man dafür wirklich kein Verständnis aufbringen."

Sorgen macht man sich bei Politikern und Polizisten gleichermaßen um die weiße Weste der "Schwarzen Sheriffs", die womöglich Polizei-Interna oder Details aus Sicherheitsplähen anderweitig ausplaudern könnten. Der bayerische FDP-Landtagsabgeordnete Gerhard Zech fragte denn auch beunruhigt beim Innenminister an, wie hoch er die Gefahr einschätze, daß Kenntnisse dieser Leute, die immerhin auch Kernkraftwerke bewachen, "in die falschen Hände geraten". Innenminister Alfred Seidl war daraufhin emsig darum bemüht, die allgemeinen Bedenken zu zerstreuen: "Die dem Zivilen Sicherheitsdienst vermittelten Kenntnisse sind offen." Doch die Gewerkschaft ÖTV findet es weiterhin "merkwürdig, wenn in einem Land, in dem der Zugang zum öffentlichen Dienst von einem hohen Maß an Verfassungstreue abhängig ist, solche Personen nicht einschlägig geprüft werden".

Obersheriff Carl Wiedmeier aber wischt derlei Zweifel an der tatsächlichen Sicherheit seines Sicherheitsdienstes ärgerlich als "ständige persönliche Verunglimpfung" seiner Leute und als "billigste politische Polemik" vom Tisch. Beim Vordringen in das Reich des bayerischen Budo-Königs (Budo ist ein Sammelbegriff für fernöstliche Kampfsportarten) flimmern einem unwillkürlich die FBI-Phantasien amerikanischer Hollywood-Produkte vor den Augen. In der Eingangshalle prangt das riesige Firmenwappen mit der Inschrift "Honor et Justitia" (Ehre und Gerechtigkeit).