Bonn

Fritz Reuter, Präsident der Wasser- und Schiffahrtsdirektion Kiel, bekennt resigniert: "Ein optimaler Schutz gegen Ölverschmutzung ist weltweit nicht in Sicht." Die deutschen Küstenbewohner, vor allem Touristikgewerbe und die Fischerei, müssen dennoch nicht mit dem Schlimmsten rechnen. Nach allen bisherigen Erfahrungen im Bereich von Nord- und Ostsee ist mit einer Ölkatastrophe vom Ausmaß der jüngsten an der bretonischen Küste nicht zu rechnen.

Zwar sind Wind und Wetter der Nordsee nicht minder rauh wie im wildzerklüfteten Meeresraum zwischen der französischen Bretagne und dem britischen Cornwall, zwei sehr entscheidende Umstände wirken sich in den deutschen Hoheitsgewässern jedoch außerordentlich günstig aus. Die Gezeiten – Ebbe und Flut – erreichen bei weitem nicht so extreme Hubwerte wie an der bretonischen Küste (bis zu 14 Metern). Überdies müssen Tanker in der Nordsee nicht befürchten, auf Felsenriffe aufzulaufen. Bricht im Bereich der Deutschen Bucht das Schiffsruder, so bohrt sich ein Tanker im schlimmsten Fall in Sand oder Schlick. Zwar kann ein Tank auch dabei leckschlagen, mit dem Auseinanderbrechen des ganzen Schiffes und dem Auslaufen der kompletten Ladung ist jedoch nicht zu rechnen. Selbst eine Schiffskollision ist vergleichsweise harmlos, wie der bisher spektakulärste Fall in der Nordsee 1966 gezeigt hat. Das war die Havarie des norwegischen Tankers "Annemildrid Bröwig". Damals waren 20 000 Tonnen Öl ausgelaufen. Im übrigen beschränkten sich bisherige Ölschäden auf leichte Fälle; mal liefen 50 Tonnen, mal zehn, in einem Fall 1000 Tonnen Öl aus.

Seit zehn Jahren existiert ein "Ölunfallausschuß See/Küste", in dem der Bund und die vier deutschen Küstenländer eng zusammenarbeiten und wirksame Rettungsmaßnahmen für den Notfall trafen. Immerhin werden in deutschen Häfen jährlich rund 40 Millionen Tonnen Erdöl gelöscht. Eine zentrale Meldestelle in Cuxhaven registriert jeden Unfall und leitet die Nachrichten an den Ausschuß sofort weiter: denn kurze Warnzeiten sind entscheidend. Carl Boe, stellvertretender Vorsitzender des Ölausschusses, meint, verglichen mit dem Vorgehen der Franzosen "sind wir schon etwas schneller am Ball".

Geräte und sonstiges Material zur Bekämpfung einer Ölpest sind in mehreren Depots entlang der Küste – in Emden, Cuxhaven, Wedel, Heiligenhafen, Kiel und Bremerhaven – gelagert. Überdies können acht 500-BRT-Tonnenleger unverzüglich zur Unfallstelle dirigiert werden.

Bei der Einsatzleitung weiß man überdies, wo Schleppschiffe liegen, die im Katastrophenfall auslaufen können, um ein aufgelaufenes Schiff wieder flottzumachen. Über das Londoner Tankerpool können leere Tankschiffe gechartert werden, um beschädigte Tanker zu leichtern oder abgeschöpftes Öl aufzunehmen. Darüber hinaus können die Deutschen mit schneller Nachbarschaftshilfe rechnen. Ein entsprechendes Abkommen der Nordsee-Anrainer von 1969 verpflichtet zur gegenseitigen Hilfe.

Die Tonnenleger sind mit Sprühgeräten ausgerüstet, um die Ölpest mit chemischen Mitteln zu bekämpfen. Wegen der damit verbundenen Meeresverschmutzung werden Chemikalien allerdings nur in Ausnahmefällen eingesetzt. Fritz Reuter, zugleich Leiter des Ölausschusses: "Das wäre etwa der Fall, wenn ein Ölfilm während der Saison auf eine Badeküste zudriftet." Laut Reuter ist ein Abschöpfen des Öl aber immer noch die "einzige vernünftige Methode".