Stehen wir vor einem Frühjahr weltpolitischer Entscheidungen?

Von Theo Sommer

Es gibt Phasen im Leben der Staaten, da verknäueln sich die Fäden der Politik zu unentwirrbaren Knoten. Das Handeln der Mächte verkommt zum Prozedurgerangel; jede wirkliche Bewegung erstarrt, keiner hat die Kraft zum Ausbruch und Durchbruch ins Freie. In der Kluft zwischen Wollen und Vollbringen nistet die Stagnation. Heute leben wir in solch einer Phase.

Das letzte Mal hatte die Welt eine ähnliche Sterilität in den sechziger Jahren erlebt. Zwischen Chruschtschows Berlinkrise und Breschnjews Einmarsch in die Tschechoslowakei war das Ost-West-Verhältnis mehr vom Willen zur Konfrontation als von der Bereitschaft zum Ausgleich bestimmt. In Europa zertrat der General de Gaulle jeden Ansatz, der auf eine Erweiterung oder eine Vertiefung der Brüsseler Gemeinschaft hinauslief. Die Vereinigten Staaten verströmten ihre Kraft in den Dschungeln Vietnams. China ergab sich dem veitstänzerischen Taumel der Kulturrevolution. Moskau und Peking steigerten ihre Wortgefechte zu einem regelrechten Schießkrieg an der Ussuri-Grenze. Die Staaten der Dritten Welt aber, dem Kolonialismus gerade entronnen, durchlitten die ersten Kinderkrankheiten der Unabhängigkeit – innere Wirren, auswärtige Konflikte.

Dann setzte 1969 ein Klima-Umschwung ein. Der Entspannungsvorsatz prägte die Beziehungen zwischen Ost und West: SALT, das Vier-Mächte-Abkommen, Bonns Ostverträge deuteten in eine neue Richtung. Großbritannien, Dänemark und Irland traten der Europäischen Gemeinschaft bei; durch die Brüsseler Korridore wehte ein frischer Wind. Amerika begann, sich aus den Regenwäldern Indochinas zurückzuziehen und wendete sich aufs neue den transatlantischen Verbündeten zu. Die Chinesen suchten einen Ausweg aus dem kulturrevolutionären Chaos. Zuweilen sprachen Moskau und Peking sogar miteinander. Die Gruppe der 77, gegründet1967, machte sich daran, der Dritten Welt Struktur und Kontur zu verschaffen – und damit eine Stimme im Konzert der etablierten Mächte.

Auf diesen Fundamenten hätte sich weiterbauen lassen. Doch dann kam ein neuer Kälteeinbruch. Die Ölkrise im Herbst 1973 veränderte die Blickrichtung der Staatsmänner: Das Wams der Ökonomie war ihnen nun näher als der Rock der Politik, zum Bauen hatte keiner mehr Lust oder Atem. Die Ost-West-Vision einer gigantischen wirtschaftlichen Zusammenarbeit wurde an der rauhen Wirklichkeit zuschanden. Die Weltwirtschaftskrise untergrub die Integrationsfähigkeit des Neuner-Europas und trug Sprengsätze auch in die Gemeinschaft der demokratischen Industrieländer hinein. Sie verleitete die Dritte Welt zu kraftmeierischem Auftrumpfen in allen Nord-Süd-Verhandlungen. Hinzu kamen personelle Faktoren: Nixons Sturz in Amerika und der unvermutete Aufstieg Carters; ein großes Abräumen unter den Führungsfiguren Europas und Japans; Breschnjews Absacken in Krankheit und Einfallslosigkeit; der undurchschaubare Schattenreigen in Peking.

Kein Wunder, daß in letzter Zeit alle Wege der Weltpolitik in Sackgassen mündeten. Das europäisch-amerikanische Verhältnis liegt im argen wie noch nie. Die Gemeinschaftseuropäer, baff ob des unerklärlichen Phänomens Carter, reagieren mit verzögerten Reflexen und mißtrauen ihrer eigenen Courage, wenn sie sich jetzt anschicken, einen neuen Anlauf zur Erweiterung und Vertiefung zu nehmen. Die Entspannungspolitik, soweit sie nicht bloß Trümmerbeseitigung sein sollte, sondern Architektonik für die Zukunft, ist steckengeblieben. Der sowjetisch-chinesische Gegensatz flammt abermals auf. Die Neuordnung des Nord-Süd-Verhältnisses läßt auf sich warten, weil der Süden maßlos überzogene Ansprüche stellt und der Norden lieber alles auf die lange Bank schiebt.