Eine quälende Fröhlichkeit auf der Anklagebank – Wird aus Moabit doch noch ein Stammheim Von Hans Schueler

Es kann doch nicht wahr sein, daß es in der Bundesrepublik Deutschland und in Westberlin zwei Arten von Gerichtsbarkeit gibt. Es ist doch nicht möglich, daß sich die Entfernung zwischen Hysterie und Vernunft in runden 600 Kilometern Luftlinie ausdrücken läßt – der Distanz zwischen dem "Mehrzweckgebäude" von Stuttgart-Stammheim und dem Kriminalgericht an der Turmstraße in Berlin-Moabit. Und doch scheint es so: Während in Stammheim die Wahrheitsfindung in den Prozessen gegen Croissant und Sonnenberg schon am Hosenstall der Verteidiger zu scheitern droht, praktiziert die Berliner Justiz geradezu ein Übermaß an Liberalität gegenüber der Verteidigung. Achtzehn Anwälte passierten am ersten Tag des Prozesses gegen die mutmaßlichen Drenkmann-Mörder und Lorenz-Entführer die Eingangskontrolle ohne Leibesvisitation und Aktendurchsicht, gleichberechtigt mit den Anklägern. Nicht einmal den Prozeßberichterstattern und dem Saalpublikum wurde Entwürdigendes zugemutet. Übliches Abtasten der Kleidung und die Überprüfung mit der Metallsonde wie auf dem Flughafen – das war alles.

Bloße Optik, schöner Schein? Vielleicht; es wird sich zeigen. Immerhin hat die Berliner Justiz^ ihren Willen demonstriert, das Verfahren in gerichtlicher und nicht in polizeilicher Atmosphäre ablaufen zu lassen, immerhin hat sie dem Festungsdenken entsagt, wie es zu Zeiten der frühen RAF-Prozesse auch dort herrschte. Die Sicht- und Schußblende aus Ziegelsteinen vor den Fenstern des mittlerweile berühmten Saales 700 ist durch Panzerglasscheiben ersetzt.

Es gibt kaum Tatzeugen

Bestimmend für das zivile Ambiente des Prozesses gegen die Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" dürfte der Alptraum des Berliner Justizsenators Jürgen Baumann gewesen sein, daß aus Moabit doch ein zweites Stammheim wird. Und das ist nicht auszuschließen. Niemand wagt eine auch nur annähernde Prognose der Verfahrensdauer: Vielleicht ein Jahr, vielleicht zwei Jahre.

Der jetzt schon erkennbare Unterschied zu Stammheim liegt allein darin, daß es in Berlin weder auf der Bank der Angeklagten noch auf der der Verteidiger die "Prominenz" von Stammheim gibt: die Mitglieder der "Bewegung 2. Juni" sind, gemessen am Kern der Baader-Meinhof-Gruppe, nahezu unbekannt. Auch von den Anwälten hat niemand außerhalb Berlins einen Namen: kein Schily, kein Croissant, Groenewold oder Heldmann ist dabei.

Die Anklage indes steht vor ähnlichen Beweisschwierigkeiten wie seinerzeit im Prozeß gegen Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan Carl Raspe. Zwar hat sie 599 Zeugen aufgeboten. Doch sind darunter kaum Tatzeugen, die bekunden könnten, einen bestimmten Angeklagten bei einer bestimmten Aktion erkannt zu haben. Die Zeugenschaft dient nahezu ausschließlich der Erhärtung von Indizien, der Zuordnung von Spuren – Gehilfenfunktion in einer kriminalistischen Materialschlacht, die vorwiegend in den Akten und Asservaten stattfinden wird. Das Gericht ist von den einhundertfünfzig Leitzordnern eingerahmt wie von einer Theaterkulisse.