Wenn die Budget-Strategie des Schatzkanzlers aufgeht, kann er Premierminister werden

Schatzkanzler Denis Healey präsentierte sich der Nation als eine Art konservativer neokeynesianischer Moneatrist – in seiner Budgetrede aus dem Unterhaus. Er versprach den entzückten Briten eine Senkung der Einkommensteuer um etwa acht Milliarden Mark und offerierte sie als britischen Beitrag zur Ankurbelung der Weltkonjunktur.

Noch nie zuvor hatte ein britischer Schatzkanzler ein so großes Auditorium für seine Budgetrede. Am Dienstag erreichte Denis Healey über das vollbesetzte Unterhaus und die Zuhörer auf der Besucher- und Pressetribüne hinaus die gesamte Bevölkerung, die zu Hause und im Auto, im Büro und Betrieb direkt aus dem Mund des Finanzministers erfahren konnte, daß sie den berühmten Gürtel um wenigstens ein Loch lockern kann, daß sie nicht noch schnell den Tank zu füllen oder ein paar Flaschen Whisky einzukaufen braucht, um allfälligen Steuererhöhungen noch rasch ein Schnippchen zu schlagen.

Die von Traditionen gesegnete und geplagte Nation erlebte diesmal eine kleine Sensation. Zum erstenmal durften die beiden Rundfunkgesellschaften ihre Mikrophone im Unterhaus installieren und gleich auf Direktübertragung schalten. Überflüssig wurde die absonderliche Übung, daß Reporter ständig zwischen Pressetribüne und Telephonen hin- und herhetzten, um den Studios die allerletzte der Budget-Enthüllungen zuzurufen, die dann als Blitzmeldung ausgestrahlt wurde oder auf Fernsehschirmen erschien, um sofort von den Experten analysiert und bewertet zu werden.

Aber abgesehen von dieser Neuerung hat das Budget die rituellen Züge behalten. Eine erregende Periode der Spekulation geht dem Budget Day jedesmal voraus, und an "dem" Tag, "seinem" Tag, läßt es sich kein Schatzkanzler nehmen, auf den Stufen seines Amtssitzes in Downing Street vor den Kameras das Köfferchen zu recken, welches die "Geheimnisse" enthält, einschließlich der trivialen Nebensächlichkeiten, die gleichwohl so ängstlich bewahrt werden, als handele es sich um den Einsatzplan für die Atombombe.

Das Budget im Frühjahr ist immer noch ein zentrales Ereignis britischer Politik, weil es die Steuerpolitik für das nächste Fiskaljahr bestimmt. Es war Healey’s dreizehnte Vorstellung in den vier Jahren seiner Amtszeit, weil es in den letzten Jahren immer häufiger sogenannte Mini-Budgets gegeben hat. Kein Finanzminister vor ihm hat einen so wilden Kurs von einem Extrem ins andere gesteuert. Aber auch kein Finanzminister war so sehr von äußeren Einflüssen abhängig.

"Schluß mit den Opfern" hat die Labourregierung Callaghan nun verfügt. Die Briten haben Erholung verdient. Die Umstände (niedrige Inflation, günstigere Zahlungsbilanz, striktere Geldpolitik, vorzeitige Rückzahlung von Schulden an den Währungsfonds) sind besser geworden. Also gibt der Neokeynesianer Healey einen Kaufkraftschub, damit das Wachstum um dreiviertel Prozent auf drei Prozent steige. Der "konservative" Healey nutzt dafür die Senkung der Einkommensteuer, ergänzt um Konzessionen an kleine Unternehmer und steuerliche Begünstigung für die Ausgabe von Belegschaftsaktien, weil er Leistungsanreize für überfällig hält. Der Monetarist Healey verspricht weiterhin aufmerksame Kontrolle der Geldpolitik und nimmt den Zielbereich für die Ausweitung der Geldmenge noch um eine Kleinigkeit auf acht bis zwölf Prozent zurück.