Kreta: das sind drei wilde Gebirge, die mit jeweils mehreren Zweitausendern auf einem Areal von 260 Kilometern in der Ost-West-Ausdehnung und 16 bis maximal 60 Kilometern in der Nord-Süd-Ausdehnung eigentlich kaum Platz haben. Die schroffen Bergketten mit nur wenigen Durchbrüchen von Nord nach Süd teilen die Insel klimatisch und touristisch. An die sanfter ansteigende Nordküste der südlichsten Insel Europas – sie liegt südlicher als die Türkei, auf der Höhe der marokkanischen Mittelmeerküste – ist in den letzten Jahren der den Komfort liebende Wohlstandsbürger deutscher, amerikanischer oder englischer Nationalität vorgedrungen. Der steil ins Meer abfallende Süden hingegen ist – noch – Domäne von Abenteurern, die im Notfall auf jegliche Errungenschaft der Zivilisation verzichten.

Nur selten treffen diese unterschiedlichen Klassen von Kreta-Reisenden aufeinander: etwa an einem regnerischen Tag im Museum von Irakleon, wo sich während der Reisesaison bis in den Oktober hinein täglich Scharen von Besuchern und Reisegruppen zwischen den Vitrinen mit minoischen Funden der Insel hindurchzwängen, oder in einer der minoischen Ausgrabungsstätten wie Knossos oder Festos, Paläste aus der Zeit um 2000 bis 1500 vor Christus. Die einen in staubigen Jeans, T-Shirt und zerschlissenen Sandalen und all ihrem Gepäck, einschließlich Schlafsack und Zelt im hochgepackten Rudisack, die anderen in leichter, meist schlecht sitzender, an vergangene Tropenmode erinnernde Freizeitkleidung mit möglichst grellen Farbkombinationen – man ist ja schließlich im Süden –, viele Damen – je älter desto auffallender –, behängt mit schweren, gerade erworbenen Goldklunkern (minoische Doppelaxt oder Stierhörner sind besonders beliebt). Dazwischen der unauffällige, sich dieser Klasseneinteilung entziehende Bildungsreisende mit ausführlichem Kunstführer, Evans und Schliemann im Hinterkopf, jede aus vielen Scherben wieder zusammengesetzte Vase und jeden Mauerrest der ersten europäischen Hochkultur mit noch vielen Rätseln intensiv studierend.

Überwältigender als die Zeugnisse vieler Kulturen ist die kretische Landschaft. Zerfurchte, vielfach geschichtete Gebirge, in die sich das Meer hineinfraß. Nur selten flache Küstenstreifen, nur wenige weite Täler und einige von Berggipfeln umringte Hochebenen, die für Landwirtschaft und damit für dichtere Besiedlung geeignet sind. Die zerklüftete Berglandschaft ist kaum bewachsen, nicht nur wegen des Wassermangels, sondern hauptsächlich wegen des Raubbaus, der hier wie in vielen Mittelmeergegenden seit Jahrhunderten betrieben wurde. Der erste Gedanke: Partisanenlandschaft. Es scheint fast selbstverständlich, daß im Laufe der wechselvollen Geschichte dieser Insel immer wieder Partisanenkriege geführt wurden.

Der Unzugänglichkeit, Kargheit und Armut der Insel verdankt der heutige Besucher, daß sie in vielen Teilen noch unberührt, vom Massentourismus verschont blieb. Allerdings gibt es dort den Individualtourismus, ein aus der Sicht der Kreter widersinniges Phänomen. Gerade die unzugänglichsten, kärgsten und am dünnsten besiedelten Gegenden im Süden, äußersten Westen und Osten üben eine merkwürdige Attraktion auf junge Leute satter Industrieländer aus.

So weist kopfschüttelnd ein Fischer, der mit seinem Kutter entlang einer steilen Küste zum Einkaufen in den nächsten Hafen tuckert, auf einige bunte Zeltplanen an einem schmalen Kieseistreifen hin. Dieser etwa 150 Meter lange und 20 Meter breite "Strand" zwischen senkrechten Felswänden ist nur durch eine einstündige Kletterpartie auf einem steinigen Pfad zu erreichen. Kein Baum, kein Strauch, nicht einmal eine Distel, kein auch nur handtuchgroßes Stück Schatten in diesem Backofen, den die Sonne erbarmungslos von morgens bis abends aufheizt. Zehn bis zwanzig Camper dämmern hier vor sich hin. Zum Beispiel zwei Studentinnen aus Deutschland, die seit drei Jahren jeweils für mehrere Wochen hierherkommen. Es gibt eine Reihe solcher Einöden, in die die Nachfahren der Hippies fliehen.

Doch dies ist das Extrem des "einfachen" Lebens. Es geht bequemer, erholsamer. Kreta bietet die Möglichkeit, nach seiner Art Urlaub zu machen. Die großen Reiseunternehmen bieten Pauschalarrangements in neuen Hotelanlagen mit internationalem Standard, vorwiegend bei Rethimnon und in Malia, an. Wer Land und Leute kennenlernen will, kann dies ohne Schwierigkeiten auf eigene Faust tun. Die Bevölkerung ist hilfsbereit und herzlich, ohne aufdringlich zu sein, aufgeschlossen selbst im einsamsten Bergdorf oder Fischerort. Griechischkenntnisse sind nicht unbedingt erforderlich, die Verständigung klappt auch mit wenigen Brocken aus den üblichen schmalen Sprachführern, dazu mit Händen und Füßen. In den größeren Orten hilft Englisch, manchmal reicht Deutsch.

Wer völlig unabhängig sein will oder die totale Einsamkeit sucht, reist mit Zelt und Schlafsack. Für die anderen findet sich immer ein Bett, sei es in einem "Hotel" oder bei einem Bauern. Vielfach entsprechen die, "Hotels" abseits der Touristenzentren den Privatunterkünften: karge Räume mit Bett, Stuhl und Öllampe, Waschgelegenheit und Toilette über den Hof. Dafür aber wird der Gast in das Familienleben einbezogen, egal, ob er nur ein, zwei Tage bleibt oder sich für längere Zeit einquartiert. Wer zu Fuß durch die abgelegeneren Gegenden reist, sollte übrigens damit rechnen, einmal nicht mit einem öffentlichen Bus oder einem Schiff weiterzukommen. Es gibt zwar eine gute Verkehrsverbindung zu den größeren Städten an der Nordküste, doch das ist ein sehr zeitraubender Umweg. Schneller, wenn auch etwas anstrengender geht es manchmal zu Fuß über steinige Wege. Das heißt: wenig Gepäck im Rucksack und feste Schuhe. Andrea Fülgraff