Die erste Begegnung mit dem neuen Bankangestellten war ein Schock: Von den Worten "Danke" und "Bitte" machte er mehr Gebrauch als die meisten seiner Kollegen; er hatte Ermunterungen parat, übte sich in Geduld – kurz, war ein Ausbund an Höflichkeit. Schnell wurde deutlich, daß auch andere Kunden ihn zu schätzen wußten, zumal als sich herumsprach, daß er sie auch dann nicht im Stich läßt, wenn sie nach durchzechter Nacht am Wochenende ohne Bargeld dastehen: Mr. Computer ist 24 Stunden am Tag im Dienst.

Seit amerikanische Banken elektronische Vorposten eingerichtet haben, die auch außerhalb der Schalterstunden offenstehen, ist der Gang zur Geldquelle wieder erträglich geworden. Frühaufsteher erledigen ihn auf dem Weg zur Arbeit, und Hundebesitzer machen es sich neuerdings zur Gewohnheit, ihre Bankgeschäfte spät abends zu tätigen. wenn sie noch einmal um den Block gehen.

Um die Erleichterung des hiesigen Verbrauchers über den neuen Computer-Angestellten zu verstehen, muß man das tägliche Bank-Unwesen in New York erlebt haben: Zu jeder Tageszeit, an jedem Wochentag bewegen sich lange Schlangen zwischen beidseitig gespannten Kordeln im Schrittempo vorwärts. Wer an ihrem Kopf angelangt ist, wird mit einem unwirschen "Der Nächste!" von dem gerade freigewordenen Schalterbeamten zum Nähertreten aufgefordert, An der permanenten Fülle ist zum einen die Gewohnheit vieler Amerikaner schuld, nie mehr als 20 oder 30 Dollar bei sich zu tragen. Da Überweisungen unbekannt sind, sind die Schalterhallen zum anderen voller Leute, die einen Scheck erhalten haben und nun mit Schlangestehen dafür büßen müssen, daß sie keine Briefmarke zu Hause hatten.

Im höchsten Grad unpersönlich ist der Bankverkehr also eh; auch für ein Gegenüber aus Fleisch und Blut ist der Kunde eine Kontonummer. Und so ist es nur bedingt ein Paradox, daß der Umgang mit dem elektronischen Schalterbeamten ein nahezu persönliches "Vertrauensverhältnis" schafft. Nicht jeder, der im Besitz einer Scheckkarte ist, kann ihn nämlich bedienen. Nur wer einen individuellen Code benutzt, wird das Elektronengehirn in Schwingungen versetzen.

Die Identifikationsnummer bekommt eine neue Bedeutung: Eingestanzt in die Scheckkarte öffnet sie die Tür zur Bargeldquelle; einem kleinen Computer entlockt sie den Kontostand, und der große tut fast alles, was man will: Aus- und Einzahlungen und selbst Transaktionen vom Spar- zum Girokonto. Wenn aber einer mehr abheben will, als er auf der Bank hat, bekommt er nicht den üblichen strafenden Blick vom Schalterbeamten (Kontoüberziehungen sind hier nicht alltägliches Kavaliersdelikt, sondern schlichtweg verboten) – im Fall Bert Lance änderte auch der Kabinettsrang des Delinquenten nichts daran; auf dem Bildschirm erscheint nur die freundliche Antwort: "Tut mir leid, zur Zeit kann ich diesen Auftrag nicht ausführen, aber vielleicht kann ich mit etwas anderem dienen?"

Das Ding hat sogar Humor. Außerdem vermittelt es Erfolgserlebnisse – das Gefühl, man lebe im Einklang mit der Technologie der siebziger Jahre.

Letztlich aber ist das Computerwunder auch nur ein verwundbarer Gigant: Gestohlene Scheckkarten und erschlichene Codes haben längst zu Betrügereien geführt. Auf Grund einer Untersuchung von Interbank Card Association kam die New York Times jetzt zu dem Ergebnis, daß alle 7729 elektronischen Bankschalter, die zur Zeit in den USA existieren, im vergangenen Jahr zusammen 2,5 Millionen Dollar durch Schwindelaktionen verloren hätten. – doch seien dies nur zehn Prozent der Summe, die das FBI unter der konventionelleren Rubrik "Verluste durch Bankraub" abgebucht hat.

An der Zuneigung vieler Bankkunden zu dem freundlichen Computer, der mit kleinen grünen Buchstaben moralische Unterstützung gibt, werden solche Nachrichten nichts ändern. Denn sie besteht nicht erst seit "Star Wars".