Le Corbusier wollte ihn nach dem Krieg abreißen und eine seiner inzwischen berüchtigten "Unité d’habitation" aus Beton an die Stelle am Seine-Ufer setzen; Orson Welles drehte Kafkas "Prozeß" in seiner gespenstischen Leere; vor zwei Jahren entschied einer der ständig wechselnden Kultusminister, er sei nicht nur kunsthistorisch bedeutsam und ein typisches Beispiel für Geist und Stil einer Epoche, sondern auch ein ideales Museum; Züge fahren im Kellergeschoß, und unterirdisch rattert die Métro alle paar Minuten:

unter dem "Théâtre d’Orsay", das Jean Louis Barrault vor einigen Jahren in der leeren Halle des pompösen Bahnhof "d’Orsay" am Quai Anatole France konstruieren ließ. In seinem "Holz-Zelt" spielt er abendlich vor vollem Haus im Großen Saal aufgewärmten Ionesco aus seiner Glanzzeit, sentimental "Harold und Maud" mit seiner Lebenspartnerin Madeleine Renaud oder kargen Beckett. Sonntags um 10 Uhr 45 macht man hier Kammermusik, von Radio France-Musique übertragen. Im "Petit d’Orsay" gibt es einen "aktualisierten" Racine, "Esther", nur von Frauen dargestellt.

Nebenan wurde aus dem Bahnhof ein Versteigerungshaus, und vielleicht ist "Drouot-Rive Gauche" einer der brodelndsten und aufregendsten Orte der Stadt. Die mit rotem Filz tapezierten zwanzig Säle sind für jeden, der Sinn für Antiquitäten oder Trödel hat, schöner und vor allem erreichbarer als die Schatzkammern Ali Babas. Das Wiener Dorotheum und jedes deutsche Auktionshaus sind provinziell dagegen. Größe Auktionen von internationalem Rang im ehemaligen Ballsaal des Bahnhofhotels sind ein Ereignis von "Tout Paris": Am 12. 4. werden Autographen und Bücher, am 14. Schmuck und Silber, am 17. und 18. "Objets d’Art d’Extrème – Orient" versteigert. Vom Korsett Marie Antoinettes bis zum Ausgabenbuch des Bastille von 1782–1789, von Zelluloidpuppen des Jahres 1930 (Durchschnittspreis 400 F) bis zu Photoapparaten der 20er Jahre (höchster Zuschlag 15 000 F), Gemälden, Fayencen, Skulpturen, verschlissenen Seidensofas und mottenlöcherigen Kaninchenmänteln gibt es im Drouot-Rive Gauche einfach alles. All das – Barrault wie Auktionen – wird in einiger Zeit einem Museum fürs 19. Jahrhundert weichen müssen.

Wie wenig Platz Paris für seine Impressionisten hat, spürt jeder Besucher des übervollen "Jeu de Paume". Doch die offizielle Malerei des vorigen Jahrhunderts, die gerade unter Napoleon III. und auch von der anschließenden Republik sehr gefordert wurde und ehedem im Palais du Luxembourg zu sehen war, konnte man trotz ihrer Neuwertung und Wiederentdeckung auch in Frankreich – bislang in Paris so gut wie gar nicht studieren.

Im "Palais de Tokyo" (13 Ave du President Wilson), vormals "Museum für Moderne Kunst", als Provisorium mit Sälen des Postimpressionismus eröffnet (Symbolismus, Nabis, Pointillisten, Pont-Aven etc.), vor kurzem ergänzt durch das "Musée d’Art et Essai" (der Name erinnert an die steuerbegünstigten Kinos, die nur Klassiker zeigen), sind Werke aus dem Louvre zu sehen, die ebenfalls später ins "Orsay" sollen oder aber die man jahrzehntelang im Louvre selbst wegen Platzmangels nicht zeigen konnte. Zu den Schätzen zählen ein Saal mit venezianischer Malerei des 16. Jahrhunderts, eine bewegend schöne Suite "Aus dem Leben des Hl. Bruno" von Eustache Le Sueur oder die "Symbole und Allegorien des Todes in der französischen Skulptur". (Täglich außer Dienstag, 9.45– 17.15 Uhr)

Peter Bermbach