Obwohl Paul Breitner nach Ansicht mancher Fachleute das Geld nicht wert ist, das seine Auslösung von Eintracht Braunschweig kostet (1,74 Millionen Mark + MWSt), hat er im Spiel gegen Hertha BSC Berlin das Ausgleichstor geschossen. Es spricht für die gesunde Luft (buenos aires), die im Fußball herrscht, daß Breitners Leistung, so anerkennenswert sie war, nicht über Gebühr geschätzt wird. Seine Braunschweiger Kameraden prangern es ihm nach wie vor an, daß er ein Intellektueller ist (er hat Verstand im Fuß). Doch ihn unter Preis (siehe oben: 1,74 + Mehrwert) abzugeben, fällt ihnen auch nicht ein. Die Braunschweiger sagen: "Was uns im Spiel gegen Hertha fehlte, war Popivoda!" (Dieser war verletzt gewesen.) Unter uns: Man wird wehmütig, wenn man Popivoda nennen hört. Auch "Posipal" klang einst nach einem chemischen Waschmittel und doch! Was waren das für schöne Fußballzeiten!

Damals herrschte noch Anstand. Noch ist es unvergessen, daß ein berühmter Hamburger Kanzelredner die Andacht auf den von Auslandsaufkäufern bedrohten Seeler richtete und ihm zurief: "Uwe, bleib!" Und er blieb, während heute die Stars nach Höherem streben: Cosmos. Auch Braunschweig wird auf seinem Breitner nicht sitzenbleiben. In jedem Falle wird der Bundestrainer eine Lösung finden; Bei seinen glänzenden Beziehungen zum Ausland ist ihm dies soeben ja auch gelungen.

Die Situation war heikel. Hatte nicht gerade zuvor ein prominenter Arzt und Professor in Paris seine Stimme dagegen erhoben, daß ein internationaler Internisten-Kongreß in Argentinien stattfinden sollte? Diesem Ansinnen ist nicht Folge geleistet worden, und das ist vom sportlichen Standpunkt aus zu begrüßen. Es hätten ja sonst die Fußballspieler der ganzen Welt dem Beispiel der Ärzte Folge leisten und auf Argentinien als Schauplatz der Weltmeisterschaften verzichten können.

Unser Bundestrainer hat, von einer Inspektionsreise nach Argentinien zurückgekehrt, erklärt, nirgendwo Folterungen, Erschießungen, Konzentrationslager gesehen zu haben. Mit anderen Worten: Es hat sich ihm ein gleich friedliches Bild dargeboten wie jenen Sportgewaltigen, die 1936 zur Vorbereitung der Olympischen Spiele nach Berlin kamen. Die Luft war rein. Und die beiden französischen Nonnen, die zur selben Zeit dort ermordet wurden, spielen in unserem Zusammenhang keine Rolle: keine Fußball-Größen.

Kürzlich ist es dem Nationalspieler Vogts als ein Beispiel sportlicher Geistesgegenwart angerechnet worden, daß er auf Zweifel eines Funk-Reporters an Argentinien als dem idealen Ort internationalen Spielens, wo Menschenrechte eigentlich etwas gelten sollten, geantwortet hat: "Würden Sie mich ebenso fragen; wenn Moskau vorgesehen wäre?"

Das war ganz pfiffig bemerkt. Er hat sein Wissen ausgenutzt, daß die Bundesrepublik Entspannung im Osten will. Man muß das verstehen. Er, Herr Vogts, will keine Spannung mit Argentinien. Ihm ist die Luft in Buenos Aires gut, wie schon der Name sagt,

Aber da wir gerade dabei sind: Wie wär’s beim nächsten Male mit Uganda?