John F. Kennedy hatte es besser: Seine Lieblingslektüre waren die 007-Romane von Ian Fleming, und eine ganze Nation hielt ihn für kunstsinnig; Jackie Kennedy trug die aus den Hollywood-Filmen der 40er Jahre so beliebten ellenbogenlangen Handschuhe und schulterfreien Abendkleider, und eine ganze Nation hielt sie für elegant. Die deutschen Politiker haben es da schwerer.

Nach einer Tagung im Juli 1977 zum Thema "Die Literatur und unsere Wirklichkeit", die sich vor allem durch die gänzliche Abwesenheit deutscher Schriftsteller auszeichnete, bat die CDU-Führung vergangenen Montag zu einem Abendessen mit anschließender Diskussion ins Bonner Schloßpark-Hotel: Joseph Beuys, Reiner Kunze, Wolf Jobst Siedler – das Alphabet der 55 geladenen Gäste war durchaus präsentabel. Das Gespräch war es nicht.

Und das lag nicht an den Politikern.. Helmut Kohl, Richard von Weizsäcker und auch Heiner Geißler gaben sich alle Mühe, führten immerhin die Qualität des Zuhörens vor. Doch was ihnen an eher wirrem Unwillen und unartikulierten Wunschvorstellungen angeboten wurde, kann sie vermutlich nur in ihrer Meinung bestärken: Bilde, Künstler, rede nicht. Den Salat gab es sozusagen nach dem Essen, nämlich Wortsalat. Allen Ernstes wurden da gereicht: "Die Antihaltung der Kunst als Lebenssaft"; "produktive Menschlichkeit"; "der Freiraum als fruchtbares Stichwort".

So blieb es nur zu verständlich, daß auch ein ansonsten eloquenter Mann wie Richard von Weizsäcker sich im Irrgarten der Turnvereinvokabeln verirrte. Niemand zwang ihn oder den sich an seiner Pfeife wie an einem Rettungsring festhaltenden Helmut Kohl oder den Dr. Geißler, seines. Zeichens Herausgeber einer Sympathisanten-Anthologie, zur Kasse.

Wenn nämlich von Vertrauensdefizit, gar Mißtrauen der deutschen Intellektuellen gegen diese bürgerliche Partei die Rede ist, dann darf das nicht in unbehaglich nebulösem Gewölk hängenbleiben. Dann muß man den verantwortlichen Männern dieser Partei nicht, wie Carl Amery, Geschichtslosigkeit vorhalten, sondern eher ein falsches Geschichts-, will sagen Traditionsverständnis; nämlich eines, daß die Unbequemlichkeiten, die Stör- und Kritikelemente in der Kunst eh und je mit Skepsis, wenn nicht gar Verboten belegte. Wenn Heiner Geißler davon sprach, daß die SPD aus ihrem Selbstverständnis heraus nicht in der Lage sei, sich kritisch beispielsweise mit dem Marxismus auseinanderzusetzen, dann ist es hohe Zeit, der CDU dieses Argument zurückzureichen: Tut ihr es doch! Schmäht und brandmarkt nicht, relegiert nicht etwa einen Peter Brückner, sondern setzt euch mit seinen Thesen, seiner wissenschaftlichen Arbeit auseinander. Geht ab von der Hammelsprung-Taktik, bietet statt dessen gesellschaftliche Entwürfe. Auch nur einen – er ist weit und breit nicht zu sehen. Es genügt nicht, einstige Verdienste beim Aufbau dieses Landes zu beschwören; niemand, der die bestritte. Bestreiten nur werden viele Intellektuelle, daß die CDU bisher ein Kunstverständnis vorgezeigt hätte, das über das "Kunst-am-Bau"-Konzept von Frau Laurien hinausginge. Und allzu oft hieß es: Kunst weg vom Bau. Die humane Noblesse eines Oberbürgermeister Rommel, die leise Vernunft eines Oberbürgermeister Wallmann könnten erste positive Anzeichen sein.

Es schien, als seien die CDU-Gewaltigen erstmals bereit, darüber zu sprechen. Nur schien es nicht so, als seien die Versammelten dazu in der Lage. Sie wirkten eher, wie ein entlarvender lapsus linguae sie benannte: Trödler dieser Republik. Fritz J. Raddatz