Von Dieter Buhl

Oxford, im April

Europawetter: bewölkt, weitere Aussichten ungewiß – unter diesem Motto stand in diesem Jahr die deutsch-englische Königswinter-Konferenz. Die Prognose erwies sich zumindest anfangs als zu optimistisch. Es blitzte und zuckte am deutsch-englischen Himmel, weil die Deutschen erst einmal ihren Zorn über die wirkliche oder vermeintliche Europafeindlichkeit ihrer Partner von der Insel entluden. Wenn am Ende dann doch wieder ein paar Sonnenstrahlen sichtbar wurden, so bewies das nur, daß "Königswinter", am vergangenen Wochenende in Oxford abgehalten, auch im 28. Jahr immer noch seinen Sinn erfüllt: Deutsche und britische Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Publizistik zu einem Gespräch zusammenzubringen, wie es so offen und geduldig wohl nirgends zwischen zwei Völkern geführt wird.

"Früher", so setzte der CDU-Bundestagsabgeordnete Richard von Weizsäcker den Ton, "haben wir uns in Königswinter freiwillig über Europa gestritten, heute sind wir dazu gezwungen." Die Deutschen ließen sich das nicht zweimal sagen und zogen kräftig vom Leder – gegen die britische Eigensucht in der Europäischen Gemeinschaft und die Arroganz der Londoner Emissäre auf dem europäischen Parkett. So klatschend fielen die rhetorischen Hiebe, daß die Konferenz wieder einmal dem anspruchsvollen Etikett gerecht wurde, das ihr die Londoner Times einmal verliehen hat – "ein deutschenglisches Parlament" zu sein.

Erstaunlich war es, wie lammfromm die Briten die Geißelung über sich ergehen ließen. Weder die ebenso charmante wie beredte Erziehungsministerin Shirley Williams noch der Verkehrsminister Rodgers oder die Phalanx von hochkarätigen Unterhausabgeordneten schlugen voll zurück. Als beeindruckendstes Entlastungsargument blieb schließlich nur der Hinweis der Briten im Ohr, sie zählten in diesem Jahr mit über 2,5 Milliarden Mark netto fast soviel in die EG-Kassen wie die Bundesrepublik.

Wohl offerierte ausgerechnet ein Deutscher den Briten prachtvoll Munition für eine Gegenoffensive: Professor Ralf Dahrendorf. Sein Leserbrief an das EG-Magazin, in dem er die Bonner Oberlehrerhaltung gegenüber den EG-Partnern und das europäische Desinteresse der Bundesrepublik für den Stillstand der Gemeinschaft verantwortlich macht, wurde eifrig herumgereicht: "... man muß doch wohl darauf hinweisen, daß die Insistenz der Bundesrepublik auf dem Modellcharakter ihrer eigenen Ordnung in den letzten Jahren das wesentliche Hindernis für Fundamentalfortschritte in der Europäischen Gemeinschaft war."

Aber die Briten wagten aus Höflichkeit oder im Bewußtsein eigener, größerer Schuld? – die Kartätschen nicht zu benutzen. Von deutscher Seite wurden Dahrendorfs Anklagen hauptsächlich mit Spott bedacht. So bemerkte Richard von Weizsäcker ironisch: "... man muß schon die offenbar einzigartigen Erfahrungen eines deutschen Direktors der London School of Economics haben, um zu glauben, Europa wire heute weiter, wenn die Bundesrepublik die deutschen Unarten gegen die britischen eingetauscht hätte."