Von Ruth Herrmann

München

Zwanzig Referate und etliche Diskussionen fügten sich wie Puzzleteile zu dem Bild, das prominente Kinderärzte aus Deutschland, Österreich und aus den Herkunftsländern der Gastarbeiter von den Kindern ausländischer Arbeitnehmer haben. Zum zweitägigen Symposium über dieses Thema hatte die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie (Vorsitzender Prof. Dr. Hellbrügge) eingeladen, als erweiterte Sitzung des wissenschaftlichen Beirates in Verbindung mit der europäischen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und der Weltgesundheitsorganisation, Europabüro Kopenhagen.

Die Kinder ausländischer Arbeitnehmer – allein in der Bundesrepublik sind es mehr als eine Million unter fünfzehn Jahre alt – leben gefährlich, und das Bild der Fachärzte von ihrem physischen und psychischen Gesundheitszustand zeigt nicht einen Platz an der Sonne.

Stottern und Nägelkauen

Arbeitskräfte habe man gerufen und Menschen seien gekommen, worauf niemand vorbereitet war. Dieses vor langen Jahren von Max Frisch als ein moralischer Appell gemeinte Wort ist zum schönen Zitat geronnen. War die Mehrzahl der Einheimischen damals nicht vorbereitet, so ist sie bis heute nicht bereit, diese Menschen zur Kenntnis zu nehmen. Und ganz am Rande der Randgruppe existieren ihre Kinder, die ja niemand gerufen hat, die dem Gastland keinen materiellen Nutzen bringen, im Gegenteil Kosten und Probleme. Isoliert, diskriminiert, in allem gegenüber den deutschen Kindern benachteiligt existieren sie hinter nicht nur sprachlichen Barrieren. Sie haben deutsche Mitschüler, aber selten Schulfreunde. Zwei Drittel von ihnen schafft nicht den Hauptschulabschluß.

Ein schlimmes Klima für das Gemüt, für eine gesunde psychische Entwicklung. Und die überwiegend miserablen Wohnungen, die den Ausländern bei überhöhten Mieten zugemutet werden, gefährden die körperliche Gesundheit. Weit stärker als deutsche Kinder haben sie unter Infektionskrankheiten zu leiden, unter Krankheiten der Atemwege und Durchfallkrankheiten. Ihr Morbiditätsrisiko ist dreimal so hoch, die Sterblichkeitsrate über dem Durchschnitt. Weit häufiger als unsere Kinder erleiden sie Unfälle.