In der Republik Südafrika stand das Jahr 1975 im Zeichen der Säkularfeier der Burensprache: afrikaans, die von rund fünf Millionen gesprochen wird. Am 14. August 1875 wurde in Paarl in der Kapprovinz die sogenannte "GenootskapjVan Regte Afrikaners" (Gesellschaft für wahre Afrikaner) gegründet. Gründer waren mit anderen: S. J du Toit, J. Lion Cachet und, C. P. Hoogenhout. Ihr Ziel: das bis zu der Zeit fast nur gesprochene Afrikaans zur Schriftsprache zu erheben. Ihr Manifest von 1875 ist ein Aufruf zu nationalem Bewußtsein: "Es gibt Afrikaner mit englischen Herzen Und es gibt Afrikaner mit holländischen Herzen. Und dann gibt es auch noch Afrikaner mit afrikanischen Herzen. Letztere nennen wir wahre Afrikaner, und sie besonders rufen wir dazu auf, sich uns zur Seite zu stellen "

Die Spräche muß dabei als Mittel gesehen werden, das Volk der eigenen Persönlichkeit, des eigenen Wertes, der eigenen Nationalität bewußt zu machen. Sprache spielt bei der Umschreibung der eigenen Identität für den Afrikaner bis in unsere Zeit eine sehr große Rolle. Der Afrikaner strebt danach, von seiner Sprache aus definiert zu werden. Anerkennung seiner Sprache ist für ihn Anerkennung seiner Identität. Dies hängt aufs engste zusammen mit dem Existenzrecht eines im Ursprung europäischen Volkes am Südzipfel Afrikas. Denn die eigene Sprache ist dort, am Kap, auf afrikanischem Boden, entstanden. Besonders dank der Forschungsarbeit des südafrikanischen Sprachgelehrten S. A. Louw "Dialekvermenging en taalontwikkeling" (Dialektvermischung und Sprachentwicklung) wird heute unter Sprachhistorikern angenommen, daß niederländischer Dialekte des 17. Jahrhunderts verdankt.

Das Schreiben literarischer Texte stand in der Anfangsphase der Literatur in "afrikaans" im Dienste des Strebens nach Anerkennung der Sprache und der diese Sprache sprechenden Gruppe. Die Aktivitäten der Vertreter der "Ersten" und "Zweiten Bewegung für Afrikaans" führten dazu, daß "afrikaans" 1918 akademisches Studienfach wurde. Um 1925 waren alle Spuren des Niederländischen, als Unterrichtsmedium an Elementar- und Höheren Schulen in Südafrika (damals: Union von Südafrika) verschwunden. Am 29. Mai: 1933 kam m Kapstadt die erste Sendung der in London gedruckten Bibel in "afrikaans" an. Mit der Zugänglkhkeit der Bibel in der eigenen Sprache war eins der Hauptziele der "Genootskap van Regte Afrikaners" verwirklicht.

Ein auffallendes Phänomen innerhalb der jungen "afrikaans" spradügen Literatur ist das relativ frühe Aufkommen einer großen Vielfalt an Formen der Poesie und die späte Blüte der Prosa. Die Poesie hat als erste die Entwicklung der Emanzipation von einer fast selbstverständlichen nationalen. Auf gäbe durchgemacht. Am Anfang dieser Emanzipation der Poesie stehen W. E. G. Louw, sein Bruder N. P. Van Wyk Louw, Elisabeth Eybers und Uys Krige, die in der südafrikanischen Literaturgeschichtsschreibung als "Dreißiger" bezeichnet werden. Von N. P. Van Wyk Louw erschien 1935 der Poesieband "Alleenspraak" (Monolog) d 1937 "Die Halwe Kring" (Der halbe Kreis).

In den vierziger und fünfziger Jahren wurde diese Entwicklung der Poesie von Dichtern wie Ernst van Heerden, D. J. Opperman und S. J. Pretorias fortgesetzt. Aber auch Van Wyk Louw war bis zu seinem Tod, 1970, äußerst produktiv. Seine Essaysammlungen "Lojale verset" (Loyaler Widerstand, 1939), "Liberale Nasionalisme" (Liberaler Nationalismus, 1958) und "Vernuwing in die prosa" (Erneuerung in der Prosa, 1961) bilden die gedankliche Grundlage der Änderungen, welche die Prosa in "afrikaans" in den sechziger und in der ersten Hälfte der siebziger Jahre erlebte. Zumal der Band "Vernuwing in die prosa" bedeutet eine Absage an den rustikalen Charakter der Prosa bis dahin und ist ein Plädoyer für offene Darstellung der eigenen südafrikanischen Probleme, der eigenen komplexen Wirklichkeit. Van Wyk Louw verschaffte den jungen "afrikaans" sprachigen. Intellektuellen die Legitimation, von einer veränderten Sicht auf die Wirklichkeit, von einem änderen. Verständnis der gesellschaftlichen Aufgabe des Dichters aus, dem Leserpublikum den kritischen Spiegel der eigenen Gesellschaft vor Augen zu führen. Umstrittene politische Themen wurden dabei keineswegs ausgespart "Sewe dae by die Silbersteins" (Sieben Tage bei den Silbersteins, 1962), "Een yir Azazel" (Einer für den Teufel, 1964) von Etienne Leroux sowie "Lobola vir die Lewe" (Lobola für das Leben, 1962) von Andre P. Brink sind hervorragend strukturierte Romane, die auch den Versuch des Anschlusses an europäische Romantraditionen des 20. Jahrhunderts erkennen lassen.

jIn den siebziger Jahren Wurde die Entwicklung einer, kritischen "afrikaans" spta ch igen Literatur fortgesetzt. Eine mögliche negative Begleiterscheinung dieser Entwicklung ist, daß sie zur totalen Entfremdung zwischen Dichter und Leser führen kann und somit die kritische Aufgabe nicht mehr verwirklicht wird. Den Konflikt mit dem Staat gibt es bereits: Ende 1973 wurde zum erstenmal eine "afrikaans" sprachige literarische Publikation verboten, der Roman "Kennis van die aand" (Kenntnis des Abends) von Andre P. Brink. 1975 folgten ein Verbot des Ppesiebandes "Skryt" von Breyten Breytenbach, der l J73 in Amsterdam erschienen war und ein Erscheinungsverbot des Dramas "Seile 0u jitorie" (Dieselbe alte Geschichte) von Pieter Uys, i Ge[i ds- neue Zensurgesetz ("Wet op pubhkasies" da, am 1. April 1975 wirksam wurde, mobilisierte die Dichter ihre Kräfte. Im Juli 1975 wu r4s- iätf ejaer Versammlung in Broederstroom beir § insburg die sogenannte "SkrywersgildeSic ÖötHefgilde) gegründet. Das in BroederstroogibT ääSgSarbeitete Konzept einer kritischen, "W& ififtngljf Literatur bildet den sichtbaren AbjUi äfe)dl Prozesses der Befreiung aus der nationale i Vormundschaft. Die Entwicklung von John Miles, einem der jüngeren Dichter, ist vielsagend. Anfangs wollte er Pfarrer werden, dann wählte er die Literatur als Äußerungsform. In seiner Entscheidung wird die Distanz des jungen afrikaanssprachigen Intellektuellen zu traditionellen religiösen und damit verbundenen politischen Werten erkennbar.

Auf der letzten Frankfurter Buchmesse wurde die Aufmerksamkeit auf Breyten Breytenbach gelenkt. Ihm wurde ein Zusatzpreis zum "Prix des Septs", ein von sieben europäischen Verlagen gestifteter Preis, zuerkannt. Erich:Fried, der den "Preis der Sieben" bekam, hat in seiner Ansprache am 12. Oktober bei der Preisverleihung einige Aspekte der Dichtung Breytenbachs kurz erwähnt.