Am Anfang gehen gleich drei Theatervorhänge in die Höhe, einer bunter als der andere. Langsam trudelt ein blauer Luftballon vom Bühnenhimmel auf den Boden. Dann laufen Frauen mit blonden Perücken vorbei, als sei die Bühne ein Laufsteg: zeigen lächelnd ihre weißen Zähne, wackeln heftig mit der Hüfte, schreiten majestätisch eine Treppe hinunter. Das alles ereignet sich während der ersten drei Minuten der Aufführung, und sehr viel Neues passiert in den drei Stunden danach nicht. Das Berliner Schiller-Theater, die Autorin Gerlind Reinshagen, der Regisseur Niels-Peter Rudolph versuchen die szenische Analyse eines Mythos. Titel: "Leben und Tod der Marilyn Monroe". Der theatralische Aufwand ist monumental, das Ergebnis eher schmächtig: Am Ende weiß der Zuschauer, daß M. M. über eine blonde Perücke, ein strahlendes Lächeln, einen großen Busen und ein ausdrucksstarkes Gesäß verfügt haben muß. Und er weiß auch, daß er damit über Marilyn Monröe nichts weiß.

Das Stück der Reinshagen ist jetzt sieben Jahre alt – uraufgeführt wurde es 1971, damals in Darmstadt, nachgespielt hat man es kaum. Der Berliner Wiederbelebungsversuch dürfte das endgültige Begräbnis des Stückes gewesen sein – und das ist nicht weiter schlimm, für Marilyn Monroe nicht, für Gerlind Reinshagen auch nicht. Denn der Mythos Monroe lebt im Kino weiter, und Gerlind Reinshagen hat inzwischen längst wichtigere, bescheidenere Texte geschrieben als diese gutgemeinte Hochstapelei.

Die Autorin hat dem Stück eine Erklärung vorangeschickt, die wie eine Entschuldigung klingt: "Dies ist eine Illustriertengeschichte. Dies ist keine Geschichte über Marilyn. Dies ist eine Geschichte über Leute oder wie sich Leute Geschichten machen."

Also statt des vermutlich unmöglichen Monroe-Stücks das scheinbar mögliche über den Monroe-Mythos – über die Praktiken von Presse und Show-Business, einen Star "unsterblich" zu machen, auch wenn der Star daran stirbt. Für den Mythos Marilyn Monroe, so die bedenkenswerte, aber dramatisch nicht gerade fesselnd vorgetragene These der Reinshagen, ist der Mensch Marilyn Monroe nicht weiter von Bedeutung. Selbst Marilyns Selbstmord, diese einzige scheinbar ganz private Tat in ihrem Leben, gehört ihr nicht selber, sondern den Männern, den von den Männern gemachten Massenmedien. Selbst, der Selbstmord ist: Show-Business.

So weit die (rechtschaffenen) Absichten. Geschrieben aber hat die Reinshagen einen eher harmlosen und lahmen Bilderbogen – ein Potpourri kritischer Absichten, kaum Szenen. Dies ist keine Illustriertengeschichte: denn für die Schilderung der skrupellosen, menschenmordenden Methoden des Sensationsjournalismus sind Gerlind Reinshagens Szenen viel zu menschenfreundlich und rücksichtsvoll. Die wirklich wichtigen Fragen (etwa: wieso ausgerechnet Marilyn, dieses blonde, lustige, eher hausfrauenhaft-nette als abgründige Mädchen zum Sexualsymbol einer ganzen Ära werden konnte) werden erst gar nicht gestellt. Und was an der Monroe einzigartig war, was ihre Legende begründete, kann ein szenischer Traktat nicht beantworten, der sich in die (dürftige) These von der Austauschbarkeit der Stars verrannt hat und deshalb gleich mehrere Marilyns auf einmal auf die Bühne schickt.

Rudolph hat viel Theater mit dem Text gemacht. Vergebens. Denn so sehr sich die Schauspieler (darunter Hildegard Schmahl, Therese Dürrenberger, Daphne Moore als Marilyn) abplagten, so lärmend die Theatertechnik arbeitete, so eifervoll sich Rudolph um ein bißchen Revue-Schmissigkeit bemühte – es wurde immer nur ein Amerika-Bild produziert, auf dem die Leute "Hi"und "Hello" sagen, furchtbar viel grinsen und furchtbar zickig sind. Der Versuch, die Klischees des Show-Gewerbes zu "entlarven", förderte nur Klischees über die Klischees zutage. So verhielt sich die Aufführung wie einer, der in die USA kommt, schnell mal den Fernsehapparat anschaltet, sich fünf Minuten Werbefernsehen anschaut und dann angeekelt sagt: "So ist Amerika."

Dem Regisseur Rudolph hat das Theater einige der besten, scharfsinnigsten Inszenierungen der letzten Jahre verdankt. Diesmal hat er (und haben seine Schauspieler) leider nur kritisch mit dem Popo gewackelt. Benjamin Henrichs