Von Karin Huffzky

Der Protokollband mit dem den Aufbruch poetisch signalisierenden Titel "Guten Morgen du Schöne" (urspiünglicher Tenor eines leidenschaftlichen Zigeunerliedes über die Liebe!), verführt vor allem Leserinnen zu sich selber; zum selbstbewußten Blick auf die eigenen Leistungen und Bedürfnisse Denn nicht die dumpfmachende Zurückgeworfenheit in ungehörte Klagelieder ist hier dokumentiert. Dieser Band sichert Spuren, die ins noch Unbegangene führen: siebzehn Frauen im Alter von 16 bis 74 Jahren fordern den Alltag der DDR heraus, als dessen bewußt mitgestaltender Teil und Zugleich ihn kritisierende Instanz sie sich begreifen. In ihrer meist schmucklosen, aber keineswegs leidenschaftslosen Sprache benennen sie informationsreich die jedes Individuum kennzeichnenden Widersprüche –

Maxie Wander: "Guten Morgen du Schöne – Frauen in der DDR", Protokolle, mit einem Vorwort von Christa Wolf; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1978; 216 S., 24,– DM.

"Es müßten bessere Bücher in den Lehrplan, nicht immer ‚Die Väter‘ von Bredel. Man dürfte nicht zuviel Wert auf die klare Linie legen, die kennen wir ja inzwischen, sondern auf mehr Menschlichkeit", sagt die achtzehnjährige Oberschülerin Gudrun R., die beklagt, daß es ihr "draußen", außerhalb der Schulklasse "manchmal zu reaktionär" zugeht. Ihren Anspruch auf eine menschennähere sozialistische Politik formuliert sie als herben Dämpfer auf das oft zu selbstgerechte Politikverständnis der DDR: "Es kann nicht meine Schuld sein, daß mich Politik nicht interessiert."

Das Maß fast aller Dinge ist, nicht nur in diesem Lebensbericht, der denkende und handelnde, sich in der Entfaltung befindliche Mensch. Mich fasziniert die Unbefangenheit, mit der fast alle Frauen das sogenannte typisch weibliche schlechte Gewissen abgeschafft haben. In den meisten Protokollen ist die neue Qualität von Lebensauffassung bereits in die sinnliche Dimension der Lebensauffassung hineingewachsen.

Eine dreiundvierzigjährige Dozentin, verheiratet, drei Kinder, nennt die "ewigen Frauengeschichten" ihres Mannes "seine Art von Emanzipation", erkennt aber auch: "Er läuft Amok"; ihr selbst hat "ein Mann nie gereicht", doch auf den Körper ihres Mannes ist sie "noch immer wild wie eh und je". Sie ist stolz auf ihre "Lebendigkeit" und auf die "Entdeckung, daß manche Menschen, mit denen ich beruflich zu tun habe, mich als unbequem empfinden". Sie hat ihre "eigene Persönlichkeit entwickelt, anstatt sie einem fragwürdigen Erziehungsziel zu opfern". Manchmal, noch ungläubig, steht sie davor, "wenn ich sehe, wie sich Menschen von mir faszinieren lassen", weil nur sie selbst weiß, daß sie auch "mit Ängsten bezahlen" muß. Von Frauen hält sie überhaupt nichts: "Es ist sagenhaft, mit wieviel Mißgunst und Haß manche Trauer, ihren Geschlechtsgefährtinnen begegnen, wenn diese ein Stückchen weitergekommen sind als sie selber"; aber von Frauen hält sie auch sehr viel: "Daß eine Freundschaft mit einer Frau überhaupt möglich ist, habe ich erst durch Anja erfahren. Bei ihr kommt hinzu, daß sie mir körperlich sehr angenehm war ... Bei ihr kann ich mich geben, wie ich bin, wir sind gleichberechtigte liebende Partner."

Ich wage zu unterstellen, daß Anja, die unter dem Namen Rosi S. vorgestellte vierunddreißigjährige Sekretärin, Mutter eines Kindes und verheiratet ist. Zumindest könnte es die Frau sein, von der die Dozentin spricht. Auch Rosi S. geht nicht den Weg des geringsten Selbstbewußtseins, um sich als "weiblich" zu fühlen. Prallvoll ist auch ihr Leben und ihre Lust daran, es als handelndes Subjekt zu gestalten. Sie prangert die Piüderie mancher Frauen an, die als "Jugendrichter" ihren "Neid hinter moralischer Entrüstung verstecken sagt aber auch, "Frauenhaare und Frauenhaut sind was Phantastisches. Das geht bestimmt vielen Frauen so, sie gestehen es sich nur nicht ein". Ab und zu geht sie mit einem anderen Mann "ins Bett oder auf die grüne Wiese", aber ihren Mann hat sie "im Blut", mit keinem anderen fühlt sie sich so frei wie mit ihm: Meinen Mann sehe ich mir gelegentlich so schön, daß mir ein anderer sagen könnte: Du bist blind, der ist nicht so." Rosi S., die ihren Chef für einen "Affen" hält, weil er sich, anstatt in seiner Funktion notwendige Entscheidungen zu treffen, akademisch aufplustert, ist, obgleich sie sich vom Drill in der Schule "wie vergewaltigt" vorkam, eine sehr politische Frau. Ihre Gesellschaftskritik zielt scharf: Sie hält das "Fachidiotentun, auf das wir zusteuern, für enorm gefährlich", hält die "Selbstgerechten" beiderlei Geschlechts für "die Pest in den menschlichen Beziehungen", klagt die allgemeine menschliche Entfremdung in ihrer Gesellschaft an.