Rom, im April

In den kleinen, klaren Augen über dem gepflegten Castro-Bart irrlichtert nichts Unheimliches. Allenfalls Verachtung läßt sich erkennen: Renato Curcio, Gründer und leitender Kopf der "Roten Brigaden", blickt durch die dicken Eisengitter, die im Gerichtssaal in Turin die Anklagebank wie einen Raubtierkäfig umgeben, mit der hochmütigen Gelassenheit eines Menschen, der sich selbst als Heilsbringer und Scharfrichter einer verrotteten Welt empfindet. Daß seine Jünger seit vier Wochen in dem christdemokratischen Parteipräsidenten Aldo Moro das Symbol der "Gegenrevolution", gleichsam den "Antichrist", festhalten und als Sündenbock aller Übel einem unmenschlichen Ritus der Selbstzerfleischung unterwerfen, das hebt Curcios Selbstsicherheit. Es ist ihm wichtiger als jede Aussicht, selbst – etwa durch einen Austausch – einer Justiz zu entkommen, deren Prozeß er nicht fürchtet, sondern als Schaubühne seiner eigenen Anklägerrolle geradezu genießt. Die Blutspur seiner Terroristenschwadronen will er gar nicht verwischen, sondern zum Symbol einer politischen Mission stilisieren.

"Ich bin im Gefängnis, aber ein freier Mensch. Ich habe mir nichts vorzuwerfen, es gibt nichts, dessen ich mich zu schämen brauchte. In diesen Jahren als einsamer Wolf habe ich oft an die Geschichte unserer Familie gedacht...", schrieb Curcio an seine Tante Nina in Turin, bei der er seine Kindheit verbrachte. Die Mutter, Jolanda Curcio, war im Waisenhaus evangelischer Diakonissen aufgewachsen und als Neunzehnjährige dem Charme eines Armeehauptmanns erlegen, der mit einer betagten, aber reichen Amerikanerin verheiratet war. Das Kind, nach dem Vater Renato genannt, wurde 1941 geboren und wächst fast ohne Mutter auf (die im Hotelgewerbe arbeitet und heute ein kleines Hotel in England leitet). Den Vater lehnte er ab und weigerte sich auch später, dessen Namen anzunehmen.

Bei Tante Nina, die zur evangelischen Waldensergemeinde gehört, orientierte man sich an strenger christlicher Moral. Die katholische Umwelt bewirkte das ihre: Als Halbwüchsiger entschloß sich Curcio, die Konfession zu wechseln. In der katholischen Internatsschule in San Remo begann sich der Musterschüler, der von einer Karriere als Chemiker geträumt hatte, anderen Experimenten zuzuwenden: Der Zusammenhang von mönchischen und sozialreformerischen Idealen fesselte ihn. Doch die politische "Alchimie", der sich der Soziologiestudent in Trient zuwendete, verlor bald ihre "franziskanische" Harmlosigkeit. Aus dem eifrigen Studenten, der dem sozialistischen Vizebürgermeister der Stadt als Sekretär diente, wurde der eifernde Funktionär einer katholischen, immer weiter nach links wandernden Studentengruppe.

Im Jahre 1968, im Jahr des studentischen Aufbruchs im Westen und der niedergeschlagenen Frühlingshoffnungen im Osten, gelangten Curcio und seine Freunde ans Ende ihres langen Marsches. "Ich war der erste, der in Trient Mao gelesen hat", berichtete er später. Trotz des glänzend bestandenen Staatsexamens verzichtete er auf das Doktorat, für das man ihm ein Stipendium anbot: "Ich wechselte zu einer anderen Universität – der des Klassenkampfes, des Kampfes um Befreiung von Armut und Unwissenheit ..."

Immerhin, Curcios vier Jahre jüngere Freundin, Margherita Cagol, aus gutbürgerlicher Familie in Trient, ließ es sich nicht nehmen, ihre Dissertation über die deutsche Arbeiterbewegung zu beenden. Der Prüfungskommission, die ihr im August 1969 die Doktorwürde zusprach, trat die hübsche 34jährige Kandidatin mit geballter Faust entgegen. Drei Tage später heiratete sie Curcio – ganz fromm-katholisch im Santuario von San Romedio.

Revolutionäre Romantik mit kirchlichem Segen? Das Paar, das nach Mailand übersiedelte, empfand da offenkundig keinen Widerspruch, wie überhaupt der Gegensatz in der facettenreichen und gedankenarmen linken Subkultur Italiens bis zur Unkenntlichkeit verwischt wird, erst recht, seit die große "historische" Linke, die kommunistische wie die sozialistische Partei, den Protest gegen soziale Ungerechtigkeit und politische Mißwirtschaft nicht mehr ganz aufzufangen vermögen, weil sie Staat und Gesellschaft auf deren eigener Basis verändern wollen. "Den Staat ändert man nicht, ohne ihn zu zerstören", heißt einer der ersten Slogans der Curcios, als sie – mit Mao-Bibel und Maschinenpistole – 1969 in den Untergrund gehen. In diesem Jahr leitete ein kommunistischer Parteitag in Bologna den Rechtsruck der Berlinguer-Ära ein. Zum erstenmal kehrte eine größere Gruppe radikaler Intellektueller der KPI den Rücken. Immer tiefer geriet Italien in die Krise. Seine Marktwirtschaft versäumte den sozialen Ausgleich und sein politisches System versagte, in dem der größten Oppositionspartei die demokratische Legitimierung versagt blieb, weil sie der Revolution zwar praktisch, aber nicht theoretisch abgeschworen hatte.