Von Helmut Groß

Ulm

Der Ulmer Oberstudienrat Siegfried R. verkörpert eine traurige Berühmtheit: zum erstenmal in der deutschen Kriminalgeschichte verwendete er bei einem Mordversuch eine organische Substanz, die bisher nur Wissenschaftler als gefährliches Umweltgift kannten. Das Opfer, seine Ehefrau Ingeborg, hat den heimtückischen Anschlag zwar überstanden, aber nach Ansicht der medizinischen Sachverständigen ist ihre Lebenserwartung erheblich reduziert. Für seine Tat, die in Ulm erhebliches Aufsehen erregt hatte, muß der 49jährige Lehrer möglicherweise mit einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe büßen. Das Urteil wird voraussichtlich noch in dieser Woche gesprochen.

Das Gift, das Siegfried R. in die Welt des Verbrechens einführte, zerstört unter anderem die Leber und verursacht Krebs. Vom Gericht wurde der Name aus Sorge vor möglichen Nachahmungen geheimgehalten. Man sprach statt dessen vom Gift "N". Die Vorsichtsmaßnahme wird angesichts folgender Fakten verständlich: "N" ist schon wenige Stunden nach Verabreichung im Körper des Opfers nicht mehr nachzuweisen. Die tödliche oder zumindest schwer gesundheitsschädigende Wirkung bleibt dagegen erhalten und kann durch kein Gegenmittel bekämpft werden. Personen mit chemischem Sachverstand sind in der Lage, "N" selbst herzustellen. So gesehen ließe sich mit der Substanz das perfekte Verbrechen ausführen.

Der starke Publikumsandrang während des Prozesses galt naturgemäß dem sozialen Milieu des Angeklagten. Wie kommt ein unbescholtener, durchaus beliebter Lehrer und Vater von zwei Kindern nach 20jähriger Ehe dazu, seine Frau auf besonders heimtückische Weise umbringen zu wollen, so fragten sich die Zuhörer.

Die Beweisaufnahme ergab jedenfalls, daß der Gymnasiallehrer zwischen 1975 und 1977 dreimal je 25 Gramm der giftigen Substanz gekauft hatte. Pikanterweise geschah das im Namen der Schule, für die er Chemie-Lehrmittel zu verwalten hatte. Die Erklärung, er habe mit "N" diverse Versuche im Unterricht machen wollen, klang ziemlich unglaubwürdig, weil solche Versuche weder im Lehrplan vorgesehen sind noch einen praktischen Sinn gehabt hätten. Detaillierte Informationen über die gesundheitsschädigende Wirkung der Substanz, die übrigens in vielen Lebensmitteln in kleinsten Mengen enthalten ist, bezog Siegfried R. aus einer Fachzeitschrift.

Mit größter Wahrscheinlichkeit hat der Oberstudienrat seiner Frau zum erstenmal im Dezember 1975 einige Tropfen der tückischen Substanz unbemerkt ins Essen gemischt. Für das arglose Opfer begann ein Leidensweg ohne Ende: häufiges Erbrechen, starke Schleimabsonderungen, Bauchwassersucht und Leberfunktionsstörungen stellten sich ein. Selbst in der Ulmer Universitätsklinik, wo Frau R. mehrfach über Monate hinweg behandelt wurde, standen die Ärzte vor einem Rätsel.