Robert Walser zum hundertsten Geburtstag

Von Peter Hamm

"Niemand wünsche ich, er wäre ich"

Ich bin vollständig gesund und zugleich sehr ernstlich oder erheblich krank... Meine Krankheit ist eine Kopfkrankheit, die schwer zu definieren ist. Sie soll unheilbar sein, aber sie hindert mich nicht, zu denken, an was ich Lust habe oder zu schreiben oder höflich mit den Leuten zu sein oder die Dinge, wie zum Beispiel ein gutes Essen usw. zu konstatieren."

Dies schrieb aus der Heilanstalt Waldau, in der er sich seit einem knappen Jahr aufhielt, der Schweizer Schriftsteller Robert Walser in einem Brief am 23. Dezember 1929. Vor seinem 50. Geburtstag, im April 1928, den er noch in jener Freiheit verbracht hatte, die für ihn immer unerträglicher geworden war, hatte er ein "Geburtstagsprosastück" verfaßt, in dem der Satz steht: "Hölderlin hielt es für angezeigt, das heißt für taktvoll, im vierzigsten Lebensjahr seinen gesunden Menschenverstand einzubüßen" – meist wird der Satz nur bis hierher zitiert, er fährt aber so fort: – "wodurch er zahlreichen Leuten Anlaß gab, ihn aufs unterhaltendste, angenehmste zu beklagen."

So also, als überlegte Aufkündigung einer Rolle, begriff Walser selbst seine "Kopfkrankheit", um deretwillen er denn auch keineswegs beklagt werden wollte, wie eine Bemerkung verrät, die er nach zehn Anstaltsjahren vor Carl Seelig (dem einzigen Autor, der noch Kontakt zu Walser suchte, und dem dieser von Walser gestattet wurde) machte: "Ich bin überzeugt davon, daß Hölderlin die letzten dreißig Jahre seines Lebens gar nicht so unglücklich war, wie es die Literaturprofessoren ausmalen. In einem bescheidenen Winkel dahinträumen zu können, ohne beständig Ansprüche erfüllen zu müssen, ist bestimmt kein Martyrium."

"Ansprüche erfüllen müssen", das hatte für Walser dreißig Jahre lang bedeutet, sich als Schriftsteller zu behaupten in der Welt der Kultur, die für ihn mehr und mehr eitel geworden war. Er hielt es freilich nicht einmal für nötig, aggressiv oder auch nur gereizt auf diese eitle Kulturwelt zu reagieren; in einem tagebuchartigen Text von 1926 heißt es: "Wir sind ja, sobald wir irgendwo in Gesellschaft auftreten, oder Kultur treiben, ohne weiteres eitel, denn die Kultur selber ist ja gewiß nichts anderes als die Eitelkeit selber, sie muß sie sein, und wer ganz und gar darauf verzichtet, eitel zu sein, der geht verloren ..."